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Ein Tag, der Europa veränderte

Ein Theaterstück über die Flüchtlingstragödie bei Parndorf eröffnet die Politischen Gespräche.

Theodora Bauer. Credit: Maria Noisternig

Plötzlich war Theodora Bauer aus ihrer heilen Welt gerissen. Am 27. August 2015 war sie gerade Stipendiatin beim Forum Alpbach. Im Fernsehen liefen aber nur Bilder aus Parndorf. 71 Flüchtlinge waren qualvoll in einem Kühllaster gestorben und an der Autobahn im Burgenland gefunden worden. „Alpbach kam mir an diesem Tag wie ein Paradies vor, das mir nicht zusteht“, sagt sie.

Die 27-Jährige ist Schriftstellerin, am Montag erscheint ihr zweiter Roman „Chikago“. Auf Bitte des Regisseurs Peter Wagner hat die Burgenländerin auch einen Text zu dessen Stück „71 oder der Fluch der Primzahl“ beigesteuert. Sie ist eine von 21 AutorInnen. „Wir haben uns das wirklich gedacht, die Welt tangiert uns nicht dort oben. Dort oben sind wir sicher“, ist ein Satz aus ihrem Text, in dem es um Alpbach, Parndorf und die Verantwortung Europas geht.

Europa und das „Modell Schildkröte“

Peter Wagner. Credit: Andrei Pungovschi

Am Sonntag wird Wagner mit einer 28-minütigen Fassung des zweistündigen Stücks die Politischen Gespräche in Alpbach eröffnen. Die Premiere im Jänner in der Volksschule in Parndorf war ein intensives Ereignis für alle. „Der Saal war ausverkauft, trotzdem hätte man während der Aufführung eine Nadel fallen hören können“, sagt Wagner. Der Applaus am Ende war minutenlang. Wagners hehres Ziel ist ein kathartischer Moment im Publikum. Es meint damit nicht unbedingt „Reinigung“ wie die alten Griechen, aber einen Augenblick der Entlastung und der eindringlichen Auseinandersetzung mit dem Tod der 71 Menschen.

Theodora Bauer war im Sommer 2015 so betroffen, dass sie im vergangenen Jahr nicht nach Alpbach kam und erst jetzt zurückkehrte. „Auch ohne meine persönliche Geschichte ist es total sinnvoll, dass dieses Stück nach Alpbach kommt“, sagt sie. Die vielen Tode im Burgenland hätten dazu beigetragen, dass die Grenzen vor zwei Jahren geöffnet wurden.  Zur Entwicklung der europäischen und österreichischen Flüchtlingspolitik findet Bauer: „Wir setzen auf das Modell Schildkröte, ziehen uns in den Panzer zurück und machen die Augen zu.“ Die Frage der Legitimität von Migration, die in der österreichischen Innenpolitik oft im Fokus steht, führe zu nichts. „Die Menschen kommen einfach. Weil Menschen ja ein gutes Leben wollen und nicht nur vegetieren.“

Wagners Hoffnung in Alpbach

Regisseur Wagner meint: „So eine Tragödie ist jederzeit wieder möglich, gerade auch durch die restriktiveren Bestimmungen.“ Und er hofft, dass die PolitikerInnen und EntscheidungsträgerInnen im Elisabeth-Herz-Kremenak-Saal auch so einen Moment erleben wie im Jänner die Parndorfer, in dem ihnen das Schicksal der Toten nahe geht. „Ich hoffe, dass die 28 Minuten in Alpbach die Kraft haben, um diesen Moment zu erreichen“, sagt Wagner.