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Fundamentals

Jahresthema 2020 des Europäischen Forums Alpbach

Manche sicher geglaubten Grundlagen sind offenbar ins Rutschen gekommen – nicht bloß in der Politik. Das lässt den Versuch reizvoll erscheinen, auch die Grundlagen, auf denen unsere Aktivitäten in Alpbach fußen – die Themen der Symposien ebenso wie die Seminarwoche im neuen Konzept –, zu hinterfragen, manches vermeintliche Grundwissen auf den Prüfstand zu stellen und jene Grundsätze herauszuschälen, die für uns unverzichtbar sind.

Doch was, wenn all diese Grundüberzeugungen bloß sogenanntes „Elitenwissen“ sind, wenn es gerade die Überzeugungen sind, über die zwar wir uns einig sind, mit denen aber eine immer größere Zahl von Menschen nicht mehr erreichbar ist? Und: Warum eigentlich sind sie nicht mehr erreichbar?

2020 wollen wir in Alpbach den Versuch unternehmen, manche uns irrational erscheinenden Überzeugungen in ihrer Grundlage zu erfassen und als das erkennbar werden zu lassen, was sie sind: irrational und schädlich. Wir wollen versuchen, wieder Vertrauen zu einem wissenschaftlichen und rationalen Weltbild zu schaffen und den weit verbreiteten Rückzug in nationalistisches und emotional gesteuertes Denken aufzuhalten. Dazu müssen wir aber auch verstehen lernen, was die Menschen empfänglich macht für Rattenfänger und sogenannte fake news.

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Zu den leitenden Grundsätzen, den Fundamenten des Europäischen Forums Alpbach und seiner Vorläuferorganisation – des Österreichischen Colleges – zählt ein Konzept von Bildung, das nicht auf bloßem Frontalunterricht und dem relativ autoritären System von wissenden Lehrern und gehorchenden und folgenden Schülern beruht. Bildung im Verständnis des Europäischen Forums Alpbach ist ein Prozess auf Augenhöhe, in dem die Beteiligten ebenso gemeinsam an ihrer Entwicklung arbeiten wie an der Gewinnung von Erkenntnis über die Welt. Das ist der Leitgedanke der Neuordnung der Seminarwoche.

Einen Schritt weiter geht das Konzept der Alpbach Learning Missions (ALM), die zwar zunächst mit der Teilnahme an einem (oder zwei) wissenschaftlichen Seminaren beginnen, dann aber in einen eigenverantwortlich in Kleingruppen gestalteten Prozess münden, an dessen Ende Vorschläge zur Lösung von realen Herausforderungen unserer Welt vorliegen sollten. Im Vordergrund steht die eigene Verantwortung für den angestrebten Bildungserfolg. Von Seiten des Forums bieten wir bei Bedarf sowohl gruppendynamisches als auch fachliches Coaching. Die Fähigkeit zur Empathie und Kommunikation und die Bereitschaft, aufeinander zuzugehen und gemeinsam Verantwortung zu übernehmen, sind die Grundlagen unserer Demokratie.

Im Folgenden wird der Versuch unternommen, die Fundamente all der verschiedenen Veranstaltungen im Rahmen des Europäischen Forums Alpbach kurz anzusprechen:

  • Im Bereich der Politik scheint nicht mehr gesichert, dass unsere Gesellschaften auf einem gemeinsamen politischen Verständnis – auf dem Konzept der liberalen Demokratie, Rechtsstaatlichkeit und von Menschenrechten – beruhen. Politiker, manche sogar aus EU-Mitgliedsländern, haben sich von der liberalen Demokratie abgewendet und treten für etwas ein, was sie „illiberale Demokratie“ nennen. Bloß: Demokratie ist geradezu notwendig liberal, eine „illiberale Demokratie“ ist daher keine. Diese Politiker verlassen bewusst das, was wir bisher für den Grundkonsens, für die Fundamente der EU gehalten haben.
  • Aber auch viele Bürgerinnen und Bürger scheinen sich zunehmend von der Demokratie abzuwenden. Was treibt sie an, die ursprünglich gemeinsamen Grundlagen zu verlassen? Viel spricht dafür, dass es Enttäuschung ist: Enttäuschung, weil sich zeigt, dass die Demokratie, an die sie geglaubt haben, nämlich eine Demokratie, die Entscheidungs- und Teilhaberechte verbürgt hat, heute anders ist und diese Kombination nicht mehr leistet. Globalisierung der Wirtschaft und neoliberale Politikkonzepte haben dieses Fundament gesprengt. Das bloße demokratische Mitentscheidungsrecht genießt aber nicht dieselbe Attraktivität wie das Grundkonzept aus Entscheidungs- und Teilhaberechten. Das hat das Tor für antidemokratische Populisten geöffnet, die nun die Komplexität der Zusammenhänge für ihre einfachen, nationalistischen Lösungen nutzen.
  • Seit der Zeit der Aufklärung können Forschung und Wissenschaft als Grundlage unserer Weltsicht und unseres Weltverständnisses gelten, sind kritisch hinterfragte und empirisch bestätigte Fakten die Fundamente, die uns einten. Allerdings scheint auch diese Gewissheit in Zeiten von sogenannten fake news und der Umqualifizierung von Fakten zu bloßen Meinungen (vgl. etwa Donald Trumps Haltung zum Klimawandel) in Bewegung geraten zu sein. Wie lässt sich wieder Vertrauen zu einer rationalen Weltsicht gewinnen, wie gelingt es, mit den Anhängern anderer „Wahrheiten“ wieder ins Gespräch zu kommen?
  • Neueste medizinische Experimente in China haben bereits Designerbabys hervorgebracht. Mittels gentechnischer Eingriffe wurde die DNA zweier Embryonen derart verändert, dass sie nach menschlichem Ermessen gegen den HIV-Virus geschützt sind. Weitere Experimente, die dazu führen sollen, dass die Kinder intelligenter werden, sind im Gange. Derartige Eingriffe sind derzeit nur im Rahmen der EU auf Basis der Grundrechtecharta (Artikel 3, Abs. (2), zweiter Spiegelstrich[1]) eindeutig verboten. Dieses Verbot zählt außerhalb der EU also nicht zu den Grundlagen, und auch innerhalb der Union ist dieses Fundament nicht mehr sicher. Führen die als Basis allen Forschens notwendige Neugier der Forscher und der internationale Wettbewerb zum Brechen aller Dämme gegen Menschenzüchtung? Hier besteht offenbar grundlegender breiter Diskussionsbedarf und in der Folge wohl auch Bedarf an klaren Regeln und deren Umsetzung.
  • Welche Grundsätze leiten die technisch-naturwissenschaftliche Entwicklung? Gibt es gemeinsame ethische Grundlagen, etwa in der Entwicklung von KI? Gibt es Grundsätze, die dazu beitragen, dass nicht alles, was machbar ist, auch tatsächlich umgesetzt wird – etwa wenn neue Entwicklungen die Verwirklichung der Menschenrechte oder die sozialen Grundlagen des Zusammenlebens infrage stellen beziehungsweise gar das Leben von Menschen gefährden würden? Ist nicht auch der Ersatz von menschlicher Arbeit durch Maschinen für deren Eigentümer rational und zugleich dennoch eine Gefährdung des friedlichen gesellschaftlichen Zusammenlebens? Liegt in der Gleichgültigkeit gegenüber menschlichen Grundanliegen ein Teil der Gründe für die zunehmende Ablehnung von wissenschaftlichen Erkenntnissen, von Rationalität?
  • Nicht nur Musik vermag den Menschen in eine besondere und angenehme Grundstimmung zu versetzen. Auch Romane oder Gedichte leisten offenbar Ähnliches, ebenso wie die bildende Kunst. Es scheint, dass die Kunst geradezu zu den Grundlagen der kulturellen Entwicklung des Menschen gehört. Sind Menschen allenfalls über künstlerische Interventionen aus ihrem sich verengenden irrationalen und zunehmend nationalistischen Weltbild zu holen?
  • Im Bereich Wissenschaft und Forschung – es ist weiter oben schon angeklungen – geht es um rationale Grundlagen der Erkenntnis. Aber in den Universitäten spielt nicht nur die Vermittlung von Grundwissen eine Rolle, sondern zumindest auf gleicher Ebene die Fähigkeit, sich aufeinander einzulassen – Kommunikationsfähigkeit und Empathie, um mit diesen Fertigkeiten eine konstruktive Rolle in der Gesellschaft spielen zu können. Hier braucht es da und dort noch Weiterentwicklung der „alten“ Grundlagen. Wie muss Bildung aussehen, damit sie in Zeiten umfassender Digitalisierung eine wirkungsvolle Basis zur Erkenntnisgewinnung ist, die auch gegenüber zunehmender Irrationalität eine Chance bietet? Welche Lebensrealitäten sind es, die zu irrealen Interpretationen führen, warum gewinnen so viele Menschen Vertrauen zu Lösungen, die sie aufgrund ihrer Einfachheit zu verstehen glauben? Warum ist es für populistische Politiker so leicht, mit solchen angeblichen Lösungen zu verführen?
  • Die Grundlagen des Rechts sind, verfahrensmäßig, sein verfassungskonformes Zustandekommen in einem auf demokratischen Grundlagen erfolgten Gesetzgebungsbeschluss. Inhaltlich sind die Bestimmungen der jeweiligen Verfassung und der im Verfassungsrang stehenden internationalen Grundrechte zu beachten. Dieses verfahrensbasierte Rechtsverständnis lässt aber viele Fragen offen und damit auch Spielraum für weithin empfundene Ungerechtigkeit. Wie ist Vertrauen zum Recht und zur Rechtsprechung zu gewinnen?
  • Im Wirtschafts- und Finanzbereich geht es nicht nur häufig um Fundamental-, also die zugrunde liegenden Wirtschaftsdaten, sondern vielfach um handfesten Streit über die Frage, auf welcher Grundlage wirtschaftspolitische Eingriffe erfolgen sollen. Gibt es ethische Grundsätze des Wirtschaftens? An welchen Maßstäben soll Erfolg gemessen werden? Welche Wirkung geht von sehr unterschiedlichem Reichtum bzw. Einkommen in einer Gesellschaft aus?

[1] „Im Rahmen der Medizin und der Biologie muss insbesondere Folgendes beachtet werden: Das Verbot eugenischer Praktiken, insbesondere derjenigen, welche die Selektion von Personen zum Ziel haben.“

Insgesamt soll es nach diesem Jahresthema, nach diesem Motto um zweierlei gehen:

  • Darum, einige vielfach nicht mehr hinterfragte Gewissheiten und Überzeugungen (Fundamente) der sogenannten Eliten aus Wissenschaft, Wirtschaft und Politik zu überprüfen und so auch den eigenen Ansprüchen des Europäischen Forums Alpbach gerecht zu werden und
  • darum, jene Grundlagen, die sich als weiterhin unverzichtbar erweisen, im Bewusstsein der TeilnehmerInnen nicht nur zu verankern, sondern zugleich ihren SkeptikerInnen gegenüber vermittelbar zu machen.

Caspar Einem, Vizepräsident des Europäischen Forums Alpbach

Die genauen Daten für das Forum 2020 finden Sie hier.