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Gedanken zum Generalthema „Neue Aufklärung“

Wir laden Sie ein, sich mit dem Generalthema „Neue Aufklärung“ vertraut zu machen. Folgende Essays bieten Gelegenheit dazu: Isolde Charim, Philosophin und wissenschaftliche Kuratorin am Kreisky Forum Wien, Andreas Pečar, Professor für Geschichte der Frühen Neuzeit an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg, Konrad Paul Liessmann, Professor am Institut für Philosophie der Universität Wien und das Präsidium des Europäischen Forums Alpbach blicken auf das diesjährige Generalthema.

Essay von Isolde Charim (erschienen in der Wiener Zeitung am 6. Mai 2016)

Die Trotzdem-Aufklärung

„Neue Aufklärung“ – ein Thema wie ein Schlachtruf. Damit tritt das Forum Alpbach in diesem Jahr an. Interessant ist, wie diese „neue Aufklärung“ beschrieben wird: als mutige Ideen, radikale neue Organisationsformen, Utopien mit Sprengkraft. Es geht also um Modelle, um ein Denken, das die Welt verändert, Neues eröffnet und Alternativen zum Bestehenden bietet. Allerdings, was mutig und neu ist, was Sprengkraft hat und wer ein Pionier ist – all das lässt sich erst hinterher sagen. Es ist also ein retrospektiver Blick, eine nachträgliche Einschätzung, die hier vorausgesetzt wird. Ein Blick, der von der alten Aufklärung geprägt ist.

Denn diese, die historische Aufklärung, war ein Denken, das sich selbst als Ermächtigungsprojekt verstanden hat: Dem aufgeklärten Subjekt sollte, eben weil es mündig und autonom war, eine Autorität des Sprechens garantiert werden. Seinem Einspruch, seiner Kritik wurde eine Autorität erkämpft und schließlich zugebilligt, die sich von keinem Amt, von keiner gesellschaftlichen Position herleitete, sondern nur an die Person geknüpft war. Auch wenn heute alle die Aufklärung wie eine Beschwörungsformel ständig auf den Lippen tragen, so ist diese Ermächtigung des denkenden Subjekts doch von vielen Seiten bedroht. Insofern ist der Ruf nach einer neuen Aufklärung nachvollziehbar. Offen ist dabei, wie diese Erneuerung aussehen soll. Oder anders gefragt: Um welches neue Subjekt geht es da?

Das alte Aufklärungssubjekt hat ja viele Kränkungen erfahren. Erst wurde es von Marx als handelndes Individuum aus dem Zentrum der Geschichte vertrieben. Dann wurde sein eigenes Zentrum, seine Autonomie von Freud infrage gestellt. Und schließlich wurde der Aufklärung von Adorno noch das Umschlagen in die blinde Herrschaft des Faschismus attestiert.

Das Subjekt einer neuen Aufklärung – wie auch immer dieses aussehen mag – muss all diese Lektionen gelernt haben. Es muss über sich und die Fallstricke von Autonomie und Rationalität aufgeklärt sein. Eine neue Aufklärung kann nur eine Trotzdem-Aufklärung sein.

Als Subjekt- und Bildungsprojekt muss sie diese Geschichte einbeziehen. Wenn das Forum Alpbach dieses Subjekt etwa als immun gegen Radikalisierungen skizziert, dann weiß das über sich selbst aufgeklärte Subjekt: Wissen ist da kein ausreichender Schutz. Dann weiß es, dass Emotionen und Irrationalität nicht außerhalb dieser Aufklärung stehen können. Wenn es um politisches Handeln, um Partizipation geht, dann muss dieses Individuum nicht nur gegen äußere Autoritäten gestärkt werden, sondern ebenso gegen sich selbst. Gegen sich als hedonistischer Konsument. Dasselbe gilt auch für das Problem des ökologischen, des nachhaltigen Handelns. All das macht klar: Das Projekt einer neuen Aufklärung ist das Projekt einer geistigen Erneuerung, einer Verhaltensänderung. Nur als solches kann es zu einer neuen Ermächtigung werden.

Wobei sich da noch die Frage stellt, wer hier eigentlich adressiert, wer hier erneuert und ermächtigt werden soll: Eine Elite? Eine Avantgarde? Eine gesamtgesellschaftliche Bewegung? Geht es um Aufklärer oder ums Aufgeklärt-Werden? Um Vorherrschaft oder um Ermächtigung? (Link zum Essay auf www.wienerzeitung.at)

Isolde Charim ist Philosophin und Publizistin und arbeitet als wissenschaftliche Kuratorin am Kreisky Forum in Wien.

Essay von Andreas Pecar (erschienen in der Presse am 16. April 2016)

Vom Aufklären

Aufklärung als wichtigste Grundlage der heutigen europäischen Gesellschaft? Ein sehr konkreter Einspruch aus der Perspektive der Geschichtswissenschaft: Die meisten Philosophen konnten nur dank ihrer Mäzene publizieren – und vertraten dabei deren Interessen.

Im Dezember des vergangenen Jahres erschien in der „Zeit“ ein ganzseitiger Artikel unter der Überschrift: „Was nun, Her Kant?“ Für den Autor des Beitrags, Thomas Assheuer, gibt Kant, der „einsame Prophet der Aufklärung, letztgültige Antworten auf heutige, drängende Fragen“. Kants Ideen „lieferten dem Projekt der Moderne die leuchtenden Stichworte“: „Aufklärung, Mündigkeit, Kritik, Menschenrechte, kategorischer Imperativ“. Dieser Artikel ist nur eines von zahlreichen Beispielen, in denen in der politischen Öffentlichkeit auf die Aufklärung Bezug genommen wird: als Gründungsepoche der Moderne, als Ursprung unserer heutigen politischen Normen und Wertvorstellungen, ja mitunter sogar als immergültiger Maßstab für richtiges Denken und Handeln. Die Aufklärer, angepriesen als Heldengestalten wie Immanuel Kant, sind in dieser Erzählung merkwürdig aus ihrer Zeit gefallen. Sie lebten zwar im 18. Jahrhundert. Glaubt man aber der Geschichte von ihnen als den Urhebern unserer heutigen Gesellschaft, dann hatten sie mit der Gesellschaft, in der sie lebten, nur wenig zu schaffen. Als Vordenker und Propheten waren sie ihrer Zeit weit voraus.

Diese Art der Geschichtsnutzung hat unmittelbare politische Folgen. Wenn beispielsweise die Frage zur Debatte steht, ob man der Türkei die EU-Mitgliedschaft einräumen solle oder nicht, fehlt selten ein Verweis auf die Aufklärung. Als in Paris auf die Redaktionsräume der Satirezeitschrift „Charlie Hebdo“ von islamistischen Terroristen ein Anschlag verübt wurde, galt der Anschlag nicht den Redakteuren der Zeitschrift allein, sondern zugleich auch den „Werten der Aufklärung“. Weitere Beispiele ließen sich mühelos aufzählen. Die Aufklärung lässt sich in der gegenwärtigen Debatte dazu nutzen, Grenzen zu ziehen: zwischen Europa und dem Rest der Welt oder einem aufgeklärten Europa (des Westens) und einem weniger aufgeklärten Europa (des Ostens), zwischen Kirchen- und Religionskritikern und den vermeintlichen Fürsprechern zahlreicher konfessionell ausdifferenzierter Fundamentalismen und nicht zuletzt zwischen aufgeklärten Intellektuellen einerseits und vermeintlichen unaufgeklärten Gruppen, egal welcher politischen Couleur, andererseits. Als polemische Waffe eignet sich der Begriff in der heutigen Gegenwart vorzüglich: indem er den jeweiligen Debattengegnern abspricht, sich auf die Aufklärung – und damit auf die Vernunft – berufen zu können.

Da Aufklärung als Phänomen und als Epoche für die europäische Geschichte exklusiv beansprucht wird, hat der Begriff besonders weitreichende Konsequenzen, wenn man das Verhältnis von Europa zum Rest der Welt thematisiert. Wenn die Aufklärung im 18. Jahrhundert ein exklusiv europäisches Phänomen ist, ja selbst in Europa nur in wenigen Ländern zu Hause, und die Aufklärung zugleich als entscheidendes Fundament der heutigen Wertvorstellungen in der globalen Welt gedacht wird – dann bleibt der außereuropäischen Welt nur, die europäischen Werte der Aufklärung nachträglich anzunehmen. Die Idee einer von Europa ausgehenden Zivilisierungsmission in der Welt ist im ausgehenden 18. Jahrhundert entstanden und sicherlich eine intellektuelle Erfindung der Aufklärung. Diese Idee steht nicht zufällig in engem Zusammenhang mit politischen Vorhaben der Kolonisierung. Es waren daher zuerst Autoren der „postcolonial studies“, die Aufklärung vor allem als Bemäntelung kolonialistischer und imperialistischer Vorhaben des Westens verstanden haben, und deren Autoren als Agenten globaler Herrschafts- und Ausbeutungsfantasien deuteten. Im Rahmen der „postcolonial studies“ ist Aufklärung kein positiver,sondern ein negativer Bezugspunkt der Moderne. Die Aufklärung ist demzufolge eine Ideologie, um zahlreiche Herrschaftsansprüche zu rechtfertigen: der Weißen über alle anderen Rassen, des Mannes über die Frau, der Europäer über Nichteuropäer. Auch in diesem negativen Bild von der Aufklärung wird ein unmittelbarer Zusammenhang hergestellt zwischen Autoren des 18. Jahrhunderts einerseits und politischen und sozialen Verwerfungen in der globalen Welt andererseits. Da sich der Begriff der Aufklärung so vorzüglich zur Herstellung von Grenzen zwischen Licht und Dunkelheit eignet, haben die Autoren der „postcolonial studies“ den Spieß kurzerhand umgedreht: Aufklärung war und ist in ihren Augen eine Ideologie zur Durchsetzung und zur Verschleierung von politischer Unterdrückung.

Diese Debatten um den Wert und den Unwert der Aufklärung werden nicht nur in Zeitungen geführt, sondern auch in Seminarräumen und wissenschaftlichen Publikationen. Sie finden sowohl im politischen als auch im wissenschaftlichen Kommunikationsraum statt, und die Grenzen zwischen beiden Diskursräumen lassen sich mitunter nur schwer ziehen. Wer sich in grundsätzlicher Art und Weise zur Aufklärung äußert, der kann damit rechnen, eine Öffentlichkeit auch jenseits der Universitäten zu erreichen. Der intellektuellen Qualität der Debatte ist dieses allgemeingesellschaftliche Interesse nicht gut bekommen.

Für den politischen Raum liefert der Hinweis auf die Aufklärung keine Information, die für anstehende Entscheidungen eine Hilfe wäre. Wenn es den Terroristen bei ihrem Anschlag auf „Charlie Hebdo“ darum ging, die Werte der Aufklärung zu treffen – was folgt dann daraus für eine Antwort? Müssen wir dann die Polizeigesetze verschärfen, um den Kampf, der ja unseren politischen Grundsätzen gilt, besonders hart und erfolgreich führen zu können? Oder dürfen wir das nicht, da wir dann ja unsererseits dabei wären, uns von den „Grundsätzen der Aufklärung“ zu verabschieden? Und wenn man der Türkei heute nicht das Recht auf Mitgliedschaft in der EU einräumen könne, da das Land keine Aufklärung genossen habe – ist die Aufnahme mit diesem Argument dann für immer vom Tisch, oder könne man es einrichten, dass die Türkei die Aufklärung gewissermaßen nachholen dürfe, also für die Aufnahme bestimmte Bedingungen erfüllen müsste? Diese zwei zugegeben verkürzt dargestellten Beispiele sollen reichen, um zu belegen, dass der Bezug auf die Aufklärung uns wenig hilft, um anstehende politische Probleme zu bewältigen, ja dass man die Aufklärung letztlich für beinahe jedes beliebige Argument in Stellung bringen kann. Und die Aufklärung hat auch nicht, wie Thomas Assheuer am Beispiel Kants in der „Zeit“ suggeriert, zeitübergreifende Lösungen entwickelt, die wir heute nur wieder lesen müssten, um damit dieWelt zu verstehen. Immanuel Kants Schrift vom „Ewigen Frieden“ hilft uns leider wenig, wenn wir heute vor dem Problem stehen, eine Antwort auf die zahlreichen Kriege und Konfliktherde in der Welt zu suchen.

Diese Art des Umgangs mit der Aufklärung betrifft mich aber auch als Historiker, da die Grundsätze meiner Fachdisziplin von dieser Debatte berührt sind. Um den Begriff „Aufklärung“ für die Geschichtswissenschaft überhaupt erst wieder nutzbar zu machen, bedarf es einer kritischen Untersuchung, wie das Gegenwartsinteresse innerhalb der Aufklärungsforschung dazu führt, dass Grundsätze wissenschaftlicher Argumentationspraxis außer Kraft gesetzt werden. Dies zeigt sich bereits im verbreiteten Umgang mit dem Begriff der Aufklärung selbst. Aufklärung ist kein unschuldiger Begriff zur Klassifizierung historischer Sachverhalte. Mit diesem Begriff werden Phänomene vielmehr sowohl beschrieben als auch bewertet. Als Aufklärer bezeichnet man in der Geschichtswissenschaft gemeinhin diejenigen Personen im 18. Jahrhundert, die sich laut ihrer Selbstbeschreibung mit dem Ziel einer Verbesserung der Verhältnisse, sei es in konkreten Dingen, sei es im Grundsätzlichen, in der Öffentlichkeit zu Wort meldeten. Da sie mit ihrer Wortmeldung bestehende Zustände verändern wollten, ging diese Wortmeldung zumeist mit Kritik an bestimmten Zuständen oder – häufiger – an bestimmten Personen einher. Der Anspruch darauf, in der Gesellschaft öffentlich Kritik üben zu dürfen, ohne in dieser Gesellschaft aufgrund des eigenen Standes oder eines bestimmten Amtes herausgehoben zu sein, wurde im 18. Jahrhundert von einer Gruppe von Autoren und freien Schriftstellern erstritten, die sich gerne als Philosophen oder eben auch als Aufklärer bezeichneten. Sie nahmen für sich selbst die Vernunft in Anspruch und sprachen sie ihren Widersachern ab. Sie lieferten „Gerechtigkeitsentwürfe“ (Ulrich Oevermann) und diffamierten ihre Gegner. In diesen Debatten war Aufklärung ein ungeschützter Markenname derjenigen, die ihr persönliches Wohl dadurch zu erringen trachteten, dass sie in diesen öffentlichen Debatten reüssierten. Der Begriff umfasste die eigenen Wertideen, Wortmeldungen und Schriften, nicht aber die ihrer Opponenten. Aufklärung ist daher im 18. Jahrhundert normativ aufgeladen, ein polemischer Kampfbegriff, um die Legitimität der eigenen Positionen zu steigern.

Es ist erstaunlich, wie viele Aufklärungsforscher heute den Begriff der Aufklärung auf ähnliche Weise gebrauchen wie jene Autoren, die sie untersuchen. Geradezu paradigmatisch wird dies sichtbar in Werner Schneiders Buch „Das Zeitalter der Aufklärung“, wenn er am Ende seiner Einleitung feststellt: „Aber natürlich sind auch die Aufklärer des 18. Jahrhunderts nie nur Aufklärer gewesen. Sie haben – nicht selten widersprüchlich in sich selbst, immer auch an vielen anderen Strömungen der Zeit teilgenommen. Es gibt Wissenschaftler, die noch am Hexenglauben festhalten oder im Magnetismus die Erklärung für alles vermuten, Philosophen, die einerseits zum Rationalismus und Empirismus, andererseits zum Mystizismus neigen; viele vernunftorientierte Schriftsteller triefen zugleich vor Sentimentalität.“

Aufklärer sind für Schneider dann keine Aufklärer, wenn sie dem Hexenglauben anhängen, der Mesmerschen Magnetismuslehre oder dem Mystizismus. Und warum nicht? Da wir heute diesen Lehren nichts mehr abgewinnen können. Da wir diese Lehren heute für unvernünftig und falsch halten. Diese Art der Unterscheidung von Aufklärern und Nichtaufklärern führt notwendigerweise zu dem Schluss: Aufklärer sind für uns Autoren immer dann, wenn wir ihre Aussagen heute gutheißen und für richtig erachten, ansonsten nicht. Ein solcher „Aufklärungsbegriff“ taugt dann zur Legitimierung eigener Ansichten, ist aber untauglich als wissenschaftlicher Begriff der Geschichtswissenschaft.

Wenn Historiker sich über Aufklärer als Wissenschaftler äußern wollen und nicht als politische Intellektuelle, dann dürfen sie das zu untersuchende historische Phänomen nicht an heutigen, normativen Ansprüchen messen. Aufklärer können in einem empirisch überprüfbaren Sinne nur diejenigen Autoren sein, die sich selbst als Aufklärer bezeichneten und in Szene setzten, unabhängig von der Frage, welche Positionen sie dabei verfochten haben, und ob uns diese Positionen heute einleuchten oder genehm sind oder nicht. Diese Aufklärer plädierten in der Tat für vieles: für die Ungleichheit der Rassen (Kant, Blumenbach, Voltaire), für Menschenversuche und Eugenik zur Förderung wissenschaftlicher Erkenntnis (Maupertuis), für einen Kreuzzug zur Befreiung Griechenlands, der Wiege der Philosophie, aus den Klauen des Osmanischen Reiches (Voltaire) oder die Teilung Polens als Zivilisierungsmission (Friedrich II., Voltaire). Diese Äußerungen gilt es weder zu verschweigen noch zu skandalisieren. Vielmehr muss man sie einbetten in ihre kommunikativen Entstehungskontexte, um zu verstehen, welches Ziel die Autoren mit ihren Aussagen in ihrer Zeit jeweils verfolgten.

Erst wenn man aus den Aufklärern wieder Menschen ihres Jahrhunderts gemacht hat und nicht die Propheten unserer heutigen Gegenwart, besteht eine Chance, deren Aussagen und Strategien historisch angemessen analysieren und bewerten zu können. Auch wenn wir unsere Fragen an die Aufklärungszeit in der heutigen Gegenwart formulieren und sich aus unserer heutigen Zeit das Interesse an der Aufklärung speist, sind unsere Antworten auf diese Fragen nur dann etwas wert, wenn dabei die Zeitumstände der Aufklärer berücksichtigt werden. Was für andere Epochen gängige Praxis ist, muss für die Aufklärungszeit leider erst wieder angemahnt werden.

Sofern sich also Historiker und andere Aufklärungsforscher über die Aufklärung äußern, sollte stets deutlich werden, dass von einer vergangenen Epoche die Rede ist, vornehmlich vom 18. Jahrhundert. Es sollte ferner klar sein, dass uns die Kommunikationsräume dieser Epoche heute fremd anmuten: Die Chance der Autoren auf Glück und Karriere war in der ständisch gegliederten Gesellschaft abhängig von Patronage seitens einflussreicher, mächtiger Personen, die häufig an den europäischen Fürstenhöfen und in den dort situierten Regierungen prominente Positionen bekleideten. Die Positionskämpfe dieser Patrone waren nicht selten entscheidend für die Frage nach dem Schicksal der von ihnen abhängigen Autoren, ihren Klienten. Und die Interessen dieser Patrone gilt es zu berücksichtigen, will man die Schreibstrategien der von ihnen abhängigen Autoren verstehen.

Wenn etwa Diderot Katharina II. von Russland hochleben ließ und Kant und Voltaire Friedrich II., Voltaire sich bei der ersten Teilung Polens auf die Seite der Großmächte schlug und Rousseau auf die Seite Polens, dann waren politische und persönliche Interessen eng verwoben mit inhaltlichen, philosophischen Positionen. Die Aufklärer waren eben keine „einsamen Propheten“, auch nicht Kant, von dessen Schriften sich zahlreiche auch als polemischer Beitrag zu inneruniversitären Macht- und Hierarchiekämpfen lesen lassen. Sie artikulierten ihre Stellungnahme in ihrer jeweiligen Gegenwart, und diese Gegenwart gilt es als Erstes in den Blick zu nehmen, wenn man die Aussagen historisch angemessen erklären möchte.

Muss uns aber eine solchermaßen historisierte Aufklärung überhaupt noch interessieren? Sie sollte uns interessieren als eine historische Epoche, die geprägt war von grundlegenden Transformationsvorgängen und am Ende von revolutionären Umbrüchen. Sie sollte uns auch interessieren, da die Zeitgenossen – unter ihnen auch die Aufklärer – diese Umbrüche miterlebt, wahrgenommen und reflektiert, ja eventuell auch angestoßen und mit verursacht haben. Und sie gibt uns schließlich ein Beispiel dafür, wie es einer zahlenmäßig kleinen Autorengruppe im Laufe des 18. Jahrhunderts gelungen war, die literarische wie die politische Öffentlichkeit in zunehmendem Maße zu dominieren und die eigenen Maßstäbe zur allgemeinen Richtschnur moralischer Beurteilung zu erheben.

Hingegen sollte uns die Aufklärung nicht interessieren als „Musterbuch der Moderne“. Eine solche Perspektive liefert uns keine Erkenntnis für die Aufklärungszeit, und ebenso wenig hilft sie uns beim Verständnis gegenwärtiger Probleme. Nur für polemische Angriffe ist eine zeitenthobene Aufklärung gut – diesen Effekt immerhin hat eine solche Verwendung des Aufklärungsbegriffs mit dem 18. Jahrhundert gemein (Link zum Essay auf diepresse.com).

Andreas Pečar, geboren 1972 in Freiburg im Breisgau, ist Professor für Geschichte der Frühen Neuzeit an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg. Er ist Eröffnungsredner des Europäischen Forums Alpbach 2016.

Essay von Konrad Paul Liessmann (erschienen im Standard am 16. April 2016)

Reise ins Ungewisse: Brauchen wir eine neue Aufklärung?

Der Kurs europäischer Gesellschaften gleicht den früheren Entdeckungsreisen der Seefahrer. Landkarten, die Orientierung geben sollen, scheinen ihren Wert verloren zu haben. Das Europäische Forum Alpbach widmet sich in diesem Jahr dem Thema „Neue Aufklärung“.

Im Ankündigungstext konnte man dazu Folgendes lesen: „Die Denkwerkzeuge der Aufklärung, allen voran die Vernunft, reichen nicht mehr aus, um die Herausforderungen der Gegenwart zu meistern. Der Kurs europäischer Gesellschaften gleicht den Entdeckungsreisen der Seefahrer längst vergangener Tage. Landkarten, die Orientierung und Sicherheit geben sollen, scheinen ihren Wert verloren zu haben. Wir reisen ins Ungewisse und müssen in vielen Bereichen neue Wege und Routen erst erkunden.“ Was an diesem Befund verblüfft ist: weniger das Eingeständnis der Orientierungslosigkeit, sondern die These, dass die Denkwerkzeuge der Aufklärung, vor allem die Vernunft, nicht mehr ausreichen, um Auswege aus dieser Ungewissheit zu weisen. Man fragt sich unwillkürlich, welche sonstigen Werkzeuge zum Einsatz gebracht werden sollen – voraufklärerische oder postaufgeklärte? Und was hat man sich darunter vorzustellen? Emotionen, Affekte, Offenbarungen, Algorithmen? Wer über die Grenzen der Aufklärung nachdenkt, kommt nicht umhin, sich ihres Begriffes überhaupt einmal erst zu versichern.

Aufklärung – dieses schöne Wort entstammt, man glaubt es kaum, doch tatsächlich der Meteorologie. Wenn dunkle Wolken sich verziehen, der Himmel wieder klar wird, das Licht der Sonne die Gegenstände dieser Welt deutlich erkennen lässt, dann klärt sich etwas auf.

Metapher des Lichts

Untrennbar ist dieser Begriff an die Metapher des Lichts und damit des Sehens gebunden, es geht um die Herstellung von Verhältnissen, in der alles Dunkle, Verborgene, Falsche, Verdüsterte, aber auch jeder falsche Schein, jedes Blendwerk, jede Täuschung, jede Illusion ihrer Unwahrheit überführt wird. Aufklärung tut nur dort not, wo die Gedanken und Sinne der Menschen vernebelt sind, wo an angeblich unumstößliche Wahrheiten geglaubt werden muss und vermeintliche Gewissheiten oktroyiert werden. Aufklärung setzt demgegenüber darauf, dass Wahrheitsansprüche, Weltdeutungen, moralische Einstellungen und politische Überzeugungen kritisch überprüft und aus Vernunftgründen einsichtig, zumindest plausibel gemacht werden müssen. Allerdings: Unumstritten war die Aufklärung nie. Dass die Vernunft zu weit gehen, sich überschätzen, selbst dogmatisch werden kann – dieser Verdacht begleitete die Aufklärung von ihrem Anbeginn an. Aufklärungskritik ist selbst ein Phänomen der Aufklärung.

Als der Berliner Pfarrer und Freimaurer Johann Friedrich Zöllner im Jahre 1783 in der Berlinischen Monatsschrift die berühmt gewordene Frage „Was ist Aufklärung“ stellte, präludierte er diese mit einem kleinen Poem, das aus seiner Skepsis gegenüber der Aufklärung kein Hehl machte. Das Gedicht trägt den Titel Der Affe – ein Fabelchen – und liest sich wie folgt: Ein Affe stekt‘ einst einen Hain / Von Zedern Nachts in Brand, / Und freute sich dann ungemein, / Als er’s so helle fand. / „Kommt Brüder, seht, was ich vermag; / Ich, – ich verwandle Nacht in Tag!“ // Die Brüder kamen groß und klein, / Bewunderten den Glanz / Und alle fingen an zu schrein: / Hoch lebe Bruder Hans! / „Hans Affe ist des Nachruhms werth, / Er hat die Gegend aufgeklärt.“ Man kann die Welt auch dadurch erleuchten, dass man sie in Brand steckt. Diese Fabel ließe sich auch als erste Variante jener Dialektik der Aufklärung verstehen, die Theodor Adorno und Max Horkheimer im 20. Jahrhundert konstatierten: Eine rabiate, instrumentell verkürzte und losgelassene Vernunft schlägt in ihr Gegenteil um.

Noch aber sind wir nicht so weit. In derselben Nummer der Berlinischen Monatsschrift versuchte sich niemand geringerer als Immanuel Kant an der Beantwortung der Frage: Was ist Aufklärung? Die Bestimmung, die Kant der Aufklärung gegeben hat, erscheint dann auch bis heute unhintergehbar. Wer die alte Aufklärung für obsolet erklärt und eine neue fordert, muss auch angeben können, in welchen Punkten unsere Zeit über Kant hinaus oder hinter ihm zurückgefallen ist. „Aufklärung“, so die bündige Definition des Königsberger Philosophen, „ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit.“ Und weiter heißt es dann, so klar, wie nur Immanuel Kant klar sein konnte: „Unmündigkeit ist das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen.“ Selbstverschuldet ist diese Unmündigkeit aber dann, „wenn die Ursache derselben nicht am Mangel des Verstandes, sondern der Entschließung und des Mutes liegt, sich seiner ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Sapere aude! Habe Mut dich deines eigenen Verstandes zu bedienen! ist also der Wahlspruch der Aufklärung.“

Kant formuliert hier nicht nur das Ideal der Autonomie und Mündigkeit, er bestimmt Aufklärung nicht nur als souveräne Tätigkeit der menschlichen Vernunft, er scheut auch nicht davor zurück, die Ursachen zu benennen, die das Projekt der Aufklärung immer wieder scheitern lassen: „Faulheit und Feigheit sind die Ursachen, warum ein so großer Teil der Menschen dennoch gerne zeitlebens unmündig bleiben; und warum es Anderen so leicht wird, sich zu deren Vormündern aufzuwerfen.“

Panische Angst vor Getier

In der Tat: Es ist so bequem, unmündig zu sein. Kant hatte da keine Illusionen: „Habe ich ein Buch, das für mich Verstand hat, einen Seelsorger, der für mich Gewissen hat, einen Arzt, der für mich die Diät beurteilt, usw., so brauche ich mich ja nicht selbst zu bemühen. Ich habe nicht nötig zu denken, wenn ich nur bezahlen kann; andere werden das verdrießliche Geschäft schon für mich übernehmen.“

Kant ging noch davon aus, dass der Bürger, der diese Faulheit abwirft und den Ausgang aus der „selbstverschuldeten Unmündigkeit“ schafft, sich Kraft seines Wissens und seiner Bildung über die wesentlichen Dinge, die sein Leben betreffen, ein eigenes Urteil erlauben kann und letztlich souverän, aus guten Gründen, nach Abwägen aller Argumente diese Fragen selbst beantworten kann. Eine anekdotische Bemerkung am Rande: Immanuel Kant hatte versucht, nach diesem Ideal zu leben, und sich zum Beispiel seine Ernährung, seine Diäten und auch die Therapien für seine Krankheiten selbst zusammengestellt – mit, sagen wir einmal, wechselndem Erfolg. Legendär war seine panische Angst vor Getier in der Wohnung; er stellte die Theorie auf, dass sich Wanzen durch den Einfall von Sonnenlicht vermehren: Das Arbeitszimmer des großen Aufklärers musste deshalb verdunkelt werden!

Man könnte diesen etwas prekären Anspruch auf Souveränität natürlich mit dem Hinweis verteidigen, dass zu Kants Zeiten die Medizin und Pharmazie noch nicht so weit entwickelt waren, dass es klug gewesen wäre, den Anordnungen der Ärzte und Apotheker immer zu folgen. Aber machen wir uns nichts vor: Die Vormünder, von denen Kant den mündigen Menschen befreit wissen wollte, heißen heute Berater, Coaches, Therapeuten, und immer öfter ist es der paternalistische Staat selbst, der durch Regeln, Hinweise, Verbote für das richtige, gesunde und glückliche Leben seiner unmündigen, aber bequemen Bürger sorgt. Andere denken für uns. Und dies vielleicht sogar aus guten Gründen. Denn zumindest auf den ersten Blick scheint es klar, dass dieses Kantische Ideal der Mündigkeit der Realität nicht entsprechen kann. Die Komplexität der modernen Welt, die Vielzahl und Vielfalt an Angeboten aller Art, der wissenschaftliche Fortschritt, die Herausbildung zahlreicher Expertenkulturen, die Unübersichtlichkeit der Verhältnisse überfordern den Einzelnen, sei es im Privatleben, sei es im beruflichen Alltag. Niemand kann für alle Bereiche, die sein Leben betreffen, gleichermaßen sicheres Wissen erwerben, fundierte Urteile bilden und souveräne Entscheidungen fällen.

Auf den zweiten Blick scheint es aber so zu sein, dass vor allem die modernen Informationsmedien dem Bürger seine Mündigkeit zurückgeben könnten. Über das Internet kann er sich über alles kundig machen, es gibt auch kaum ein Problem der Technik, der Lebensführung, der Gesundheit oder der Ernährung, zu dem es nicht zahlreiche Internetforen gibt, in denen man sich Rat holen kann, die professionellen und teuren Berater bekommen Konkurrenz von oft anonymen Usern, die, als Schwarmintelligenz getarnt, ihre Weisheiten und Bewertungen verkünden. Wer dahinter steckt und wie verlässlich diese Informationen sind, weiß allerdings niemand. Diese Grauzonen des Wissens und der Beratung führen einerseits dazu, dass immer Menschen bei Fragen und Problem aller Art zuerst einmal googeln, was das Netz so dafür hergibt.

Natürlich können, eine entsprechende Bildung und Medienkompetenz vorausgesetzt, auf diese Weise durchaus profunde Kenntnisse gewonnen werden, die als Entscheidungshilfen dienen; gleichzeitig aber erzeugt die Vielzahl an Antworten, die Suchabfragen meistens nach sich ziehen, ebenso eine Verstärkung der Desorientierung wie die nicht durchschaubaren Algorithmen, nach denen die Suchergebnisse ausgeworfen, gereiht und bewertet werden. Gerade die zunehmende Personalisierung von Suchvorgängen kann zu einer fatalen Verengung des Blickfeldes führen, zu einer permanenten Bestätigung der eigenen Vorurteile und Gestimmtheiten, zu einer Blase, die durch eine neue Aufklärung zum Platzen gebracht werden müsste.

Möglich, dass der Einzelne mit dem Projekt der Aufklärung immer schon überfordert war. Kant hatte dies geahnt und einen Ausweg angeboten. Vielleicht ist es leichter, dass ein „Publikum“, also eine Öffentlichkeit sich aufkläre, denn in dieser werden sich immer einander verstärkende Stimmen der Vernunft finden. Wenige Jahre später wird Johann Gottfried Herder in seinem Buch Verstand und Erfahrung, das als eine kritische Auseinandersetzung mit Kant gedacht war, diesen Aspekt in den Begriff der Vernunft selbst verlegen: Vernunft leite sich von „Vernehmen“ ab, vernünftig sein bedeute, vorab erst einmal Zuhören können und dann die Fähigkeit, das Gehörte zu beurteilen und einen Richtspruch zu fällen. Gerade in ihrer kommunikativen Funktion ist die Vernunft immer auch Richterin.

Am Ende seiner Schrift, nahezu versteckt, berührt Kant dann doch noch die zentrale Frage der Aufklärung, das Verhältnis der Vernunft zur Religion: „Dass die Menschen in Religionsdingen sich ihres eigenen Verstandes ohne Leitung eines Anderen sicher und gut zu bedienen, daran fehlt noch sehr viel.“ Machen wir uns nichts vor: Der Nebel, den es durch Aufklärung zu lichten galt, das Dunkel, das durch die Vernunft aufgehellt werden musste, waren vorrangig die Lehren der Religionen, der blinde Offenbarungsglaube, das göttliche Gesetz, das keine Kritik vertrug. Aufklärung war und ist, heute vielleicht mehr denn je, Religionskritik. Keine Religion, so der Toleranzgedanke der Aufklärung, kann eine höhere Wahrheit für sich beanspruchen als eine andere; jede Religion aber muss sich den Ansprüchen der prüfenden, kritisierenden, forschenden Vernunft unterwerfen. Es ist ein grobes Missverständnis, dass die Vernunft gegenüber Glaubenswahrheiten tolerant sein muss; die Vernunft hat nichts zu dulden, was ihren Ansprüchen nicht genügt. Wären die Aufklärer und Religionskritiker, von Voltaire über Feuerbach bis zu Marx, Nietzsche und Freud ähnlich wie wir von der Besorgnis getragen gewesen, nur ja keine religiösen Gefühle zu verletzen, hätte es keine Aufklärung, keine Menschenrechte, keine moderne Lebenswelt gegeben.

Aber, so könnte man fragen, übernahm sich die Vernunft da nicht ein wenig? War es nicht immer schon ein falscher Ansatz, den Menschen nur unter den Gesichtspunkten seiner Rationalität zu sehen und alle anderen Bedürfnisse, emotionale so gut wie metaphysische, als bloße Verhexungen des Verstandes, Indoktrinationen, kollektive Neurosen oder geistige Opiate zu sehen? In der Berlinischen Monatsschrift versuchte sich auch Moses Mendelssohn, einer der führenden Köpfe der jüdischen Aufklärung, in der Beantwortung von Zöllners Frage.

Aufklärung ist nicht alles

Mendelssohns Ansatz, zu Unrecht vergessen, stellt die Dinge in einen ganz anderen Zusammenhang als Kant: „Bildung“, so seine These, „zerfällt in Kultur und Aufklärung.“ Aufklärung ist nicht alles, sie stellt neben der Kultur nur eine Dimension der Bildung dar, ist diesem Konzept einer Selbstvervollkommnung des Menschen untergeordnet. Während die Kultur für die ästhetische und sittlich-praktische Humanisierung sorgen soll, ist die Aufklärung für wissenschaftliche Erkenntnisse und ihre Anwendung für das menschliche Leben „nach Maßgebung ihrer Wichtigkeit“ zuständig. Mendelssohn verkannte nicht die Gefahren, die in der Vereinseitig von Kultur und Aufklärung liegen können: „Missbrauch der Aufklärung schwächt das moralische Gefühl, führt zu Hartsinn, Egoismus, Irreligion, und Anarchie. Missbrauch der Kultur erzeuget Üppigkeit, Gleisnerei, Weichlichkeit, Aberglauben, und Sklaverei.“ Dort aber, wo Aufklärung und Kultur einander sinnvoll ergänzen, sieht Mendelssohn das beste „Verwahrungsmittel“ wider jede Form von materieller und geistig-seelischer Korruption.

Und dann findet sich in diesem Text vielleicht einer der erstaunlichsten Sätze der Philosophie des 18. Jahrhunderts: „Eine gebildete Nation kennt in sich keine andere Gefahr, als das Übermaß ihrer Nationalglückseligkeit; welches, wie die vollkommenste Gesundheit des menschlichen Körpers, schon an und für sich eine Krankheit, oder der Übergang zur Krankheit genannt werden kann.“ Lange vor den zerstörerischen und barbarischen Eruptionen des Nationalismus hatte Mendelssohn vor diesem mit einem eigenwilligen und doch so scharfsinnigen Argument gewarnt: Das Phantasma des gesunden, reinen Volkskörpers wird zur Bedrohung für jede Form von Humanität. Dies könnte nicht nur Apologeten des Nationalismus, sondern auch den Fetischisten der Gesundheit und den Perfektionisten des Glücks zu denken geben. Kultur und Aufklärung, also Bildung, wüssten diese Exzesse in Zaum zu halten. Aber wer, der heute von Bildung spricht, denkt an diese Ausgewogenheit von Schönheit und Vernunft, von Theorie und Praxis, von Erkenntnis und Bescheidenheit, von Maß und Ziel?

Wie steht es nun mit einer neuen Aufklärung? Angesichts der Reetablierung vormoderner Strukturen, Denk- und Lebensweisen in der technisch avanciertesten Gesellschaft aller Zeiten könnte man wohl ins Grübeln kommen. Von der Wiederkehr der Religionen bis zur Krise der Demokratie, von der Ablösung des mündigen Subjekts als Ziel aller Bildung durch den kompetenzorientiert ausgebildeten Konsumenten bis zur Errichtung feudaler Quasimonopole auf den globalisierten Märkten, von Verschwörungstheorien aller Art bis zum erhobenen Daumen und den Empörungskonjunkturen der sozialen Netzwerke, vom Verlust des Intim-Privaten bis zu den anschwellenden Datenströmen in den Händen des Privateigentums reicht die Palette von Entwicklungen, die allen Konzepten der aufklärerischen Moderne Hohn sprechen.

Die neue selbstverschuldete Unmündigkeit angesichts eines paternalistisch fürsorglichen Staates, der durch sanften Druck seinen Bürgern das gute Leben beibringt, lässt das große Ziel der Moderne, die Entfaltung von Freiheit, in einem seltsam schrägen Licht erscheinen. Die entscheidende Geste aufgeklärten Denkens, die Kritik, gehört dann auch zu einer Welt von gestern. Ein Satz wie der, dass die Kritik der Religion die Voraussetzung aller Kritik an Zuständen sei, die so etwas wie Religionen überhaupt erst notwendig machen, erscheint angesichts des neuen Sonderstatus, dessen sich Religionen, religiöse Gefühle, religiös motivierte Sozial- und Kleiderordnungen nun erfreuen, nicht nur seltsam antiquiert, sondern seine Unmöglichkeit demonstriert eindringlich, dass die Konzepte der Aufklärung ihre Plausibilität tatsächlich eingebüßt haben. Dem entspricht auch der unausgesprochene Hang zur Affirmation, der das aktuelle Denken nötigt, zu allem erst einmal Ja zu sagen. Wo Teams und Netzwerke, permanente Kontrolle und Selbstkontrolle regieren, haben Einzelne und solche, die nicht mitmachen wollen, also den Anspruch auf Mündigkeit aufrechterhalten, einen schweren Stand. Ja, es bedarf einer neuen Aufklärung. Und dies nicht, weil die alte Aufklärung nichts mehr taugte, sondern weil wir im Begriffe sind, deren Errungenschaften zu verspielen und ihre Ansprüche ins Gegenteil zu verkehren (Link zum Essay auf standard.at).

Konrad Paul Liessmann, geb. 1953 in Villach, ist seit 1995 Professor am Institut für Philosophie der Universität Wien. Zuletzt erschien von ihm „Geisterstunde. Die Praxis der Unbildung“ (Zsolnay, 2014).

Essay vom Präsidium des Europäischen Forums Alpbach (Oktober 2015)

Neue Aufklärung in Sicht
Die Denkwerkzeuge der Aufklärung reichen nicht mehr aus, um die Herausforderungen der Gegenwart zu meistern. Der Kurs europäischer Gesellschaften gleicht den Entdeckungsreisen der Seefahrer längst vergangener Tage. Landkarten, die Orientierung und Sicherheit geben sollen, scheinen ihren Wert verloren zu haben. Wir reisen ins Ungewisse und müssen in vielen Bereichen neue Wege und Routen erst erkunden.

Anders die Situation vor zweihundertfünfzig Jahren, zu Lebzeiten von Kant, Rousseau und Voltaire. Die Aufklärung stand als großes intellektuelles Projekt eines selbstbewussten Europas in ihrer Blüte. Die industrielle Revolution, die revolutionären Erkenntnisse der Wissenschaften und die Menschenrechte gingen aus ihr hervor. Noch Generationen später entfalteten die Licht- und Schattenseiten der Aufklärung ihre Wirkung. Ein Jahrhundert der geistigen und geopolitischen Vormachtstellung Europas war das Resultat.

Gegenwärtig ist der Traum von der Universalität der Werte der Aufklärung zu Ende geträumt. Heute konkurrieren europäische Ideale am Weltmarkt genauso wie unsere Produkte, Güter und Dienstleistungen. Ist es überhaupt möglich, die Errungenschaften der Aufklärung wie beispielsweise die Menschenrechte global zu bewahren? Welche Rolle spielt Europa in einer multipolaren Welt? Wie kann es seine Werte glaubwürdig vertreten? Gibt es ein europäisches Modell des Sozialstaats, das sich neben amerikanischen und asiatischen Gegenentwürfen behaupten wird können?

Neue Werkzeuge zum Denken

Der Umgang mit Komplexität ist zur zentralen Frage des 21. Jahrhunderts geworden. Während die Technokratie an komplexen Systemen und Unsicherheit scheitert, halten wir an diesen alten Denkmustern fest. Und das obwohl jüngste Erkenntnisse der Hirnforschung, der Neurolinguistik und der Verhaltensforschung das Cartesianische Menschenbild fundamental in Frage stellen. Heute müssen wir akzeptieren, dass Bewusstseinsbildung und rationales Verstehen nicht automatisch zu Verhaltensänderungen führen. Diese werden wir aber brauchen, um eine drohende globale ökologische Katastrophe noch abzuwenden. Ein rein konsum- und wachstumsgetriebenes Gesellschaftsmodell treibt unseren Planeten in den Ruin.

Die Radikalität der Aufklärung

Noch immer unterschätzen wir die Radikalität der Aufklärung als zeit- und ideengeschichtliches Phänomen des 18. Jahrhunderts genauso wie die Kühnheit ihrer Akteure. Aufgeklärtes Denken barg enorme gesellschaftliche Sprengkraft und viele VertreterInnen dieser Geisteshaltung agierten im Untergrund. Wie lauten die Thesen, die heute auf Widerstand stoßen, wie damals die Ideen von Aufklärern wie Diderot und Holbach? Welche Konzepte und Utopien bergen heute Sprengkraft und erschüttern die Grundfesten unseres Denkens? Welche Gesellschaftsmodelle formieren sich abseits des Mainstreams? Und wer sind die Pioniere, die heute radikal neue Organisationsformen und Kulturtechniken etablieren und sich bewusst von gelernten Mustern abgrenzen? Dezentrale Organisationsformen begeistern eine junge Generation von Unternehmerinnen und Unternehmern. Offene Innovationsprozesse stellen den Nutzen von patentiertem und geschütztem Wissen erfolgreich in Frage. Neue Geschäftsmodelle mischen die Märkte auf. Kooperative Bewegungen und das Gemeinwohldenken erleben einen Aufschwung. Sind diese Formen schon erste Manifestationen einer neuen Aufklärung?

Digitalisierung – Motor des Umbruchs

Digitalisierung und Internet wurden anfänglich als Aufbruch in eine neue Epoche der Aufklärung interpretiert. Überschwänglich hofften viele, dass dank Beteiligung und Vernetzung im digitalen Raum der Demokratie und der Rationalität der endgültige Durchbruch gelingen würde. Alleine der Zugang zu Wissen und Information würden die Menschheit vor Radikalisierung und Ideologien schützen, so die Annahme. Wer heute in die Krisenherde der Welt blickt erkennt, dass eine hypervernetzte, globale Kommunikationsplattform nicht automatisch zu mehr Friede und Kooperation führt. Zudem entwickeln algorithmengetriebene, selbstlernende Strukturen im Netz eine Eigendynamik, die vielen Menschen Sorgen bereitet. Die Automatisierung durchdringt die Arbeitswelt und verändert die Wirtschaft von Grund auf. Jüngste Fortschritte in neuen, leicht zugänglichen Technologien wie die Nano- oder Biotechnologie bringen neue Risiken mit sich. Gleichzeitig ergeben sich enorme technische Möglichkeiten, die wir zum Nutzen aller einsetzen können. Welche Aufklärung der Öffentlichkeit braucht es dazu?

Wie auf jeder Entdeckungsreise erleben wir in allen Gesellschaftsbereichen, wie bislang gültige Wahrheiten hinterfragt, neu interpretiert und entkräftet werden. Von einem Tag auf den anderen entpuppen sich sicher geglaubte Modelle in der Politik, Wirtschaft und Gesellschaft als obsolet. Woran orientiert sich Europa in Zeiten des Umbruchs und der Unsicherheit? Wo sind die intellektuellen Leuchttürme, die das Neue in Worte und Taten fassen können? Wo sind die Utopien, die einer neuen Aufklärung würdig wären? Antworten auf diese Fragen suchen wir gemeinsam mit hunderten Menschen aus allen Generationen, Disziplinen und Regionen unter dem Generalthema „Aufklärung“ beim Europäischen Forum Alpbach 2016.