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Am Weg zu einem Planetary Stewardship

Von Philippe Narval, Geschäftsführer des Europäischen Forums Alpbach

Wir haben es uns gut eingerichtet in unserer marktkonformen Gesellschaft, die uns über Jahrzehnte versprochen hat, dass es jeder nächsten Generation materiell besser gehen wird. Wir spüren nun, dass diese Erzählung nicht mehr tragbar ist und sich auch das über 12000 Jahre dauernde Erdzeitalter Holozän überholt. Das Ende des Erdzeitalters, das unserem Planeten über lange Perioden die stabilsten ökologischen und klimatologischen Bedingungen in der Erdgeschichte beschert hat, ist ganz unaufgeregt eingeläutet worden. Die WissenschaftlerInnen der Internationalen Stratographischen Gesellschaft1 haben entschieden, dass genügend Evidenz vorliegt, um unter dem Namen Anthropozän ein neues Erdzeitalter auszurufen. In ihm ist der Mensch nun der bestimmende Faktor im Ökosystem.

Jetzt müssen die WissenschaftlerInnen nur noch festlegen, welcher Marker in den Sedimentschichten des Planeten den offiziellen Beginn des Antropozäns am besten darstellt. An Auswahl mangelt es nicht, so der Paläobiologe Prof. Jan Zalasiewicz12: Sie reicht von radioaktiven Sedimenten, die wir den ersten Atomtests der 1950-er Jahre verdanken, bis zum massiven Auftauchen von Hühnerknochen – dem Totemtier der Massentierhaltung schlechthin – auf den Mülldeponien unseres Planeten. Irgendwo in den Dekaden der Babyboomer der 1950er und 1960er Jahre wird er aber liegen, der offizielle Beginn unserer planetarischen Allmacht.

Am Weg zu einem Planetary Stewardship

Wie kann eine Gesellschaft aussehen, die dem Globus wieder Respekt und Würde verleiht und unsere planetarischen Grenzen respektiert? Wie gelingt der Kulturwandel hin zu einem Planetary Stewardship, wenn der Konflikt mit den Naturgewalten und Mangelsituationen, denen der Mensch über Jahrtausende ausgeliefert war, so tief in unserem Unterbewusstsein verankert scheint? Kein anderer als das Oberhaupt der Katholischen Kirche stellt sich diese Frage in seiner Enzyklika Laudato Si’. Es mag ironisch sein, dass der höchste Vertreter einer Institution, die über Jahrhunderte hinweg nicht gerade ein Treiber von Aufklärung und Wissenschaft war, nun auf Basis fundierter wissenschaftlicher Erkenntnisse als Mahner für Umwelt und Klimaschutz auftritt3. Doch das macht seine Fragen nicht minder relevant.

Überall in Europa haben sich Menschen, Organisationen und Unternehmen schon vom ausschließlichen Profitstreben verabschiedet, sie setzen sich nachhaltigere Ziele. Was bräuchte es, um diese Formen zu fördern, ohne die Werte einer offenen Gesellschaft auf das Spiel zu setzen? Könnte sich Europa global behaupten, wenn es bereit wäre, sein Wirtschaftssystem neu auszurichten? Wie sieht eine Energiewende aus, die nicht auf dem Reißbrett entsteht, sondern von den Bürgern und Bürgerinnen erfunden wird? Welche anderen Formen des Wachstums werden möglich, wenn wir den Wachstumswillen in Quantität hinter uns lassen? Worauf müssen wir verzichten, was könnten wir gewinnen?

Wenn Konfliktlinien aufbrechen

Darüber erlauben sich wenige in Zeiten wie diesen nachzudenken, denn große Konfliktlinien brechen gerade auf: zwischen Generationen, zwischen Nationalstaaten und zwischen den Menschen in erfolgreichen Technologiezentren und Menschen an der Peripherie – um nur einige zu nennen. In Zeiten der Unsicherheit verlassen sich Menschen gerne auf vertraute Handlungsmuster und Institutionen. Das bringt eine supranationale Institution wie die Europäische Union in Bedrängnis.

Dennoch ist die EU wohl das erfolgreichste Beispiel von Kooperation und Konfliktlösung bzw. -vermeidung. Ihre größte Leistung ist es, Institutionen geschaffen zu haben, in denen man „gemeinsam handelt“. Die Währungs- und Fiskalunion machen eine Wirtschaftsunion dringend notwendig, aber dazu gibt es keinen Konsens. Die Sicherheitsstrategie der EU ist ein wortreiches Dokument, aber in der Realität gibt es keine Einigkeit nach außen. Die Erweiterungsstrategie ist eingefroren und wir hantieren seit Jahren mit Begriffen wie „Sozialunion“ oder „Verteidigungsunion“. Und niemand kann sich offenbar wirklich vorstellen, in Europa über das eigene Heimatland hinaus solidarisch zu sein.

Eine voraus denkende Minderheit fordert nun eine europäische Republik und damit die Aufgabe der Nationalstaaten. Ob Republik oder nicht, in der Essenz geht es um die Forderung, das Subsidiaritätsprinzip endlich konsequent umzusetzen. Die Desillusionierten hingegen wollen eine Reduktion der Verantwortung der Union auf den Binnenmarkt und den gemeinsamen Schutz der Außengrenzen. Sie sind bereit, dafür eine Grundfreiheit Europas, die Personenfreizügigkeit, zu opfern. In Frontex oder den Binnenmarkt wird man sich wohl nicht verlieben.

Besonders deutlich haben uns die Flüchtlinge in Europa gezeigt, wie es um die Bruchlinien dieser Union bestellt ist. Ihr Schicksal stellt uns vor die Frage, wer wir überhaupt sind und welche eigentlichen Werte wir vertreten. Was heißt es, Europäer und Europäerin zu sein, was erwarten wir uns von Neuankömmlingen, wofür stehen wir eigentlich? Flüchtende fordern mit uns Antworten auf diese Fragen.

Wofür steht Europa ein?

Als europäisch denkende Bürgerinnen und Bürger stehen wir an uns zu fragen, wofür wir bereit sind zu streiten und einzustehen; denn das haben wir verlernt. Wie angenehm ist es doch, einfach nur passiv-tolerant zu sein. Ohne zivilisiert ausgetragene Konflikte und Streit wird es nicht gehen, wir werden nicht fähig sein, ein Zusammenleben mit Neuankömmlingen oder Andersdenkenden auszuverhandeln und wir werden nicht Europa gegen die inneren Feinde der Demokratie verteidigen können. Das Abkaspeln voneinander wird uns nicht weiterbringen. Dass die virtuellen Netzwerke in unsere gesellschaftlichen Abschottungstendenzen durch ihre algorithmengetriebenen Logiken noch befördern, ist fatal.

„Ändert sich das Medium, ändert sich auch die Gesellschaft“, hat der Philosoph und Kulturhistoriker Walter Benjamin einmal gesagt. Gerade erleben wir die brutale Realität hinter diesem einfachen Satz. 2017 begehen wir übrigens, das sei nur bemerkt, den 500. Jahrestag des Thesenanschlags von Martin Luther in Wittenberg 65 Jahre nach Erfindung des Buchdrucks. Diese Innovation verhalf zu Beginn einigen wenigen dazu, einen enormen wirtschaftlichen Vorteil zu erlangen. Und gleichzeitig verbreiterte sie bald den Zugang zu Bildung.

Instinktiv wissen wir, dass die Zukunft anders sein wird als wir sie uns vorstellen können und trotzdem dürfen wir nicht aufhören, uns über sie Gedanken zu machen, denn Gesellschaften sind nur so stark wie ihre kraftvollsten gemeinsamen Visionen. Aber wovon träumen Europäerinnen und Europäer in diesen Zeiten, in denen der Traum vom immerwährenden Wohlstand zu Ende ist? Das Entwerfen von Utopien scheint im Moment nur den Zerstörern des vereinten Europas, den selbsternannten Rettern des Abendlandes und vielleicht wenigen Technologieverliebten leicht zu fallen. Ihre Dystopien bewegen sich zwischen der Rückkehr zu einer nie da gewesenen, autochthonen Abschottung und einer Zukunft, in der intelligente Maschinen den Menschen in seinen Fähigkeiten übertrumpfen.

Was haben wir noch anzubieten, wenn es darum geht, Zukunftsbilder für eine „reduktive Moderne“ zu entwerfen? Befähigen uns die digitalen Werkzeuge dazu, dezentral und hierarchiefrei neue Kooperationsformen und Wertschöpfungsketten zu entwerfen? Oder sind die Plattformen, die in allen Sektoren als „Category Leads“ eine Vormachtstellung übernehmen, alternativlos und durch ihren Datenextraktivismus täglich mächtiger und uneinholbar? Knapp 50% der Berufbilder werden wegfallen, wenn Roboter in Form von selbstlernenden Systemen die Werkshallen dominieren, so die zentrale These der britischen Wissenschafter Carl Frey und Michael Osborne. Aber gibt es zum Verlust auch einen Gewinn, d.h. neue Arbeitsplätze für jene Länder, die jetzt auf Zukunftstechnologien setzen. Werden wir Arbeit in Zukunft überhaupt neu definieren müssen?

Spannungsfeld Konflikt und Kooperation

Die Gegenüberstellung von Konflikt und Kooperation heißt nicht, dass es sich bei den Begriffen um ein Gegensatzpaar – der Eine böse, die Andere gut – handelt. Transnationale Netzwerke wie die Mafia oder Wirtschaftskartelle funktionieren nur, weil sie auf erfolgreicher Kooperation basieren. Parallel dazu beweist die Organisationslehre, wie Konflikte dafür notwendig sind, Veränderungsprozesse voranzubringen und wie sehr wir sie als Nährboden für Neues brauchen. Eine Gesellschaft, die Konflikte nicht mehr zivilisiert und offen austragen kann, verödet und gleitet ins Totalitäre. Dennoch stellt sich die Frage, wie große, gewaltvolle Konflikte entstehen und wie sie enden. Welche Narrative befeuern sie und mit welchen Instrumenten lassen sie sich im 21. Jahrhundert vermeiden? Welche Instrumente der Konfliktlösung setzen wir ein? Die Sicherung des Weltfriedens durch globale Kooperation – ist das nicht immer noch ein hehres Ziel? Wer spricht heute noch davon? Wer traut sich, so groß zu träumen?

Der Evolutionsbiologe Martin Nowak hat belegt, dass Systeme, die auf Kooperation aufbauen, langfristig überlebensfähiger sind. Die Menschheit hat sich immer in einem Spannungsfeld zwischen Konflikt und Kooperation entwickelt. Die ersten zivilisatorischen Höhenflüge erlebte sie durch eine Höchstform der Kooperation mit Natur und Tier im Übergang zur Sesshaftigkeit und später im Kollektiv in der Gründung von Städten. Wir werden die Herausforderungen der Zukunft auf diesem Planeten nur gemeinsam und in Kooperation lösen, das steht fest. Doch welche Strukturen sind überhaupt dafür geeignet; welche post-nationalstaatlichen Modelle braucht es auf globaler Ebene, welche auf lokaler? Wie und wo erlernen wir das Kooperieren im komplexen Umfeld? Wie können wir im Zeitalter der Skepsis Vertrauen zwischen BürgerInnen und demokratischen Institutionen wieder herstellen? Die Demokratie als hohe Schule der Kooperation und Friedenswerkzeug ist in ihre Jahre gekommen, aber was wäre, wenn wir für sie streiten und sie neu entdecken?

1 Zur Arbeitsgruppe siehe: http://quaternary.stratigraphy.org/workinggroups/anthropocene
2
The Guardian, „The Anthropocene epoch: scientists declare dawn of human-influenced age”, 29. Aug. 2016
3 Siehe “Enciclica Laudato Si