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Politik braucht wirkliche statt digitale Räume

Von Alexander „Sandy“ Pentland, Programme Director, Media Lab Entrepreneurship; MIT – Massachusetts Institute of Technology, Cambridge. Pentland zählt zu den einflussreichsten Computerwissenschaftlern der Welt und spricht bei der Eröffnung der Alpbacher Wirtschaftsgespräche. Erschienen im trend Wirtschaftsmagazin.

In sozialen Medien bilden sich rasch Gemeinschaften von Gleichgesinnten. Wie kann man aber diesen „Echokammern“ entgehen? Ganz simpel: Computer abdrehen!

Überall auf der Welt nehmen Polarisierung und politische Fragmentierung zu. Auf beiden Seiten des politischen Spektrums werden extreme Ansichten immer populärer. Diese Veränderungen zeigen sich auch in der Sphäre der sozialen Medien. Die Fragmentierung lässt sich hier messen, indem man die politischen Einstellungen von Nutzern und von Postings mithilfe der von ihnen verwendeten links-bzw. rechtsgerichteten Quellen identifiziert und dann schaut, ob und wie sehr Ideen und Tatsachen über die ideologischen Grenzen hinaus geteilt werden.

Forscher bei Facebook haben festgestellt, dass die meisten ihrer Nutzer stark polarisiert sind und nicht viele Freunde mit entgegengesetzten politischen Ansichten haben. Nutzer mit bestimmten politischen Einstellungen teilen auch sehr wenig an Nachrichten und Meinungen mit anderen, die gegensätzlicher Überzeugung sind.

Auf diese Weise erleichtern soziale Medien es den Nutzern, eine virtuelle Gemeinschaft von Gleichgesinnten zu bilden, die ungewöhnliche Identitäten, Überzeugungen und Verhaltensweisen unterstützt. Und sie machen es auch extremen Ansichten leichter, Unterstützung zu finden. Dadurch ändert sich, wie wir unsere „geheiligten Überzeugungen“ bilden. Diese sind die Basis unserer sozialen Identität – unabhängig davon, ob wir uns eher als Rechte oder Linke verstehen -, und man kann sie daher nicht leicht ändern. Gegen Logik und Beweise sind sie immun, denn sie zu bezweifeln, hieße, unsere Mitgliedschaft in unserer Peergroup zu gefährden. Das Ergebnis ist eine digitale „Echokammer“.

Außerdem gibt es da noch eine weitere Dimension in unserer segregierten Gesellschaft, die wir manchmal vergessen: wo wir physisch leben und mit wem wir täglich zu tun haben. Es sollte uns nicht überraschen, dass der EU-2020-Bericht herausgefunden hat, dass auch in Europa die physische Umgebung immer segregierter wird – die Reichen leben und arbeiten in anderen Gegenden als die Armen, und daher treffen sich diese beiden Gruppen fast nie und reden fast nie miteinander.

Unsere Forschungsergebnisse kommen sowohl für die USA als auch für Europa zu ähnlichen Ergebnissen. Das Wahlverhalten von Menschen, die in derselben Gegend arbeiten und in denselben Geschäften einkaufen, ist uniformer als von Menschen, die in Alter, Geschlecht oder sozioökonomischem Status einander gleichen. Nicht nur suchen wir Umgebungen auf, in denen Leute wie wir leben – wo Tauben sind, fliegen wirklich Tauben zu. Wir nehmen auch unbewusst Einstellungen und Überzeugungen von Menschen an, die wir als Peers sehen. Wenn wir in Rom sind, fangen wir an, uns wie Römer zu verhalten – oft ohne dass es uns bewusst ist. Das widerspricht der üblichen Annahme aus der Wirtschaftswissenschaft, dass Menschen unabhängig und autonom sind. Es ist belegt, dass die Überzeugungen und Handlungen der Menschen vielmehr vor allem durch soziales Lernen von Peers bestimmt werden, ob uns das klar ist oder nicht.

Was würde also passieren, wenn wir uns vor allem mithilfe einer seltsamen und altmodischen Technik treffen würden, nämlich indem wir uns physisch woandershin bewegen und auf Meinungen und Perspektiven treffen würden, die wir nicht von vornherein ausgewählt hätten? Könnten wir etwas gegen dieses Teufelsgebräu tun, das aus einer Kombination von Medien gleichgesinnter Gemeinschaften und physischer Segregation besteht? Meine Forschung am MIT legt nahe, dass die Antwort „Ja“ lautet. Im Geschäftsleben, auf den Straßen und in Peergroups werden Ideen eher durch direkte Interaktion geformt als durch digitale Medien.

Wir könnten zum Beispiel Stadtplanung anders angehen. Sie könnte das Durchmischen von Bevölkerungsgruppen zum Ziel haben. Die Regierung könnte Stadtteilbewohner für ihre Dienstleistungen anstellen, sie könnte den Verkehr zwischen Wohngegenden verbessern und Steuererleichterungen für Betriebe schaffen, die Bewohner des jeweiligen Bezirks anstellen. Wenn genügend durchmischt würde, könnten die alten Interessengruppen mit ihren widerstreitenden geheiligten Überzeugungen verblassen und einem produktiveren Dialog innerhalb des Gemeinwesens Platz machen.

Wenn Sie sich also das nächste Mal über einen Tweet oder über eine Nachrichtenmeldung ärgern, drehen Sie den Computer oder das TV-Gerät ab, stehen Sie auf und reden Sie mit jemandem – im wirklichen Leben.