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Eröffnungsrede von Ágnes Heller

Die Eröffnungsrede des Europäischen Forums Alpbach 2019 stammt von der ungarischen Philosophin Ágnes Heller. Am 19. Juli 2019 verstarb Frau Prof. Heller unerwartet am Plattensee. Zwei Tage vor ihrem plötzlichen Tod übermittelte sie den vorbereiteten Text an ihren langjährigen Freund, den Philosophen Josef Mitterer. Zum Gedenken an Ágnes Heller verlas Professor Mitterer die Rede bei der Eröffnungszeremonie am 18. August 2019.

Freiheit und Sicherheit

„Lassen Sie mich mit dem Modellfall beginnen: das Buch Exodus des Alten Testaments. Das Volk der Israeliten entkam aus Ägypten, wo sie in Knechtschaft leben mussten. Sie wurden aus ihrer Knechtschaft befreit, ohne für die Freiheit kämpfen zu müssen – sie erhielten ihre Freiheit als ein Geschenk. Als sie durch die Wüste zogen, verloren sie die Sicherheit, die mit der Knechtschaft einherging. Die Unsicherheit des Lebens in der Wüste weckte die Sehnsucht nach den Fleischtöpfen Agyptens, zurück zur Sicherheit ihrer Knechtschaft. Dann erhielten sie als göttliches Geschenk ein Grundgesetz in Form der zehn Gebote. Nachdem sie also aus der Sklaverei befreit wurden, erhielten sie nun auch die Möglichkeit tatsächlich freie Menschen zu werden. Denn nur freie Menschen können über ein Grundgesetz verfügen, das die alleinige Garantie politischer Gleichheit ist. Solch ein Grundgesetz ist die Bedingung dafür, dass Grundrechte möglich werden, einschließlich des Grundrechtes nach Sicherheit. Und wie haben sie die Möglichkeit als freie Menschen zu handeln genutzt? Sie haben das goldene Kalb angebetet.

Dieser symbolische Beispielfall hat sich oftmals in der Geschichte wiederholt. Zuletzt in der jüngeren Geschichte einiger osteuropäischer Länder – wie in meinem eigenen Land, in Ungarn – wo die Menschen Freiheit als „Geburtstagsgeschenk“ erhielten und nicht in der Lage waren, diese auch zu erhalten. Das hatte viele Gründe, und einer davon war, dass sie die Sicherheit des Sklaventums gewohnt waren und es vorzogen, ein goldenes Kalb anzubeten.

Obwohl dieses biblische Beispiel von der Spannung zwischen Freiheit und Sicherheit sich immer wieder in der menschlichen Geschichte wiederholte, rückte es doch zumeist nur selten ins Zentrum der Aufmerksamkeit. Denn für mehr als zweitausend Jahre gab es nur ein begrenztes Angebot von politischen Institutionen: letztlich wurden alle Nationen von einem König oder von einigen aristokratischen Familien beherrscht. Aristoteles beschrieb die Situation folgendermaßen: manche Menschen werden frei geboren, andere als Sklaven. Der Ort Deiner Geburt bestimmt den Platz, den Du bis zu Deinem Tod in der sozialen Hierarchie einnehmen wirst und dasselbe gilt für Deine Nachkommen.

In der Moderne rückte diese, bis dato marginalisierte, Spannung ins Zentrum der Aufmerksamkeit. Erneut stellte sich die Frage, ob wir vor einer prinzipiellen entweder/oder Situation stehen – entweder Freiheit oder Sicherheit –, ob diese Frage nur in bestimmten Situationen auftritt, oder ob sie sich niemals wirklich stellt. Sogar, wenn wir es mit einer prinzipiellen entweder/oder Situation zu tun haben, zeigt sich bei genauer Betrachtung der Vorrang der Freiheit vor der Sicherheit. Denn selbst wenn man unter Zwang zwischen a und b entscheidet, man muss immer noch entscheiden. Wenn man sich für a entscheidet, könnte man auch b gewählt haben und umgekehrt – eine Situation, die bereits eine Freiheit voraussetzt.

Die Welt der Moderne unterscheidet sich grundlegend von allen anderen Epochen zuvor. Dieser Unterschied wurde von den Philosophen der Aufklärung in Worte gefasst und wurde “lex lata” in der ersten republikanischen Verfassung, nämlich in der Aussage, die alles Kommende fundiert: “Alle Menschen sind frei geboren”. Bereits Jean-Jacques Rousseau fügte den Nachsatz hinzu: “Der Mensch ist frei geboren – und überall liegt er in Ketten.” um damit auf die ebenso traditionelle wie strikte philosophische Trennung von transzendentalen und empirischen Aussagen hinzuweisen. Allerdings fußt nicht nur die transzendentale Aussage „Alle Menschen sind frei geboren“ auf einem Universalismus, sondern auch der empirische zweite Teil. Hier wird von “allen” gesprochen, dort von einem “überall”.

Die fundamentale Idee der modernen Welt war damit ausgedrückt. Sklaverei existiert zwar, aber sie widerspricht dem in der transzendentalen Aussage ausgedrückten normativen Anspruch. Dieser Anspruch drückt den natürlichen Zustand aus, denn alle Menschen sind von Natur aus gleich an Freiheit geboren. Die empirische Realität jedoch – sie liegen überall in Ketten – sei unnatürlich.

Daher gründet sich die Moderne auf Freiheit. Trotzdem, wenn wir Rousseau folgen und hinzufügen, dass diese eigentlich freien Menschen doch überall in Ketten liegen, müssen wir erkennen, dass – obwohl sich die Moderne auf Freiheit gründet – Freiheit kein gutes Fundament abgibt. Lassen Sie mich diesen Punkt kurz erklären. In der aristotelischen Behauptung “Manche Menschen sind frei geboren, andere als Sklaven” gab es keinen Unterschied zwischen dem empirischen und dem normativen Gehalt der Aussage. Faktisch werden manche Menschen frei geboren, andere faktisch als Sklaven. Das wurde als natürlich erachtet, und so sollte es sein. Vielleicht war dies im legendären ersten (goldenen) Zeitalter nicht der Fall, doch diese Zeit schien unwiederbringlich verloren.

Erst in der Moderne begannen Philosophen und Philosophinnen zu erklären, dass wir alle gleich an Freiheit geboren sind – und, als Resultat dessen, auch mit gleichen Rechten ausgestattet sind. Die Amerikanische Unabhängigkeitserklärung zählt sie auf: das Recht auf Leben, auf Freiheit und das Streben nach Glück. Oder, wie sie die französische Deklaration der Menschen- und Bürgerrechte von 1789 nennt: das Recht der Menschen und das Recht der Bürger. Fast 250 Jahre sind seitdem vergangen, nichts desto weniger können wir immer noch mit Rousseau erklären: alle Menschen sind frei geboren – und er liegt doch (fast) überall in Ketten. Rousseaus paradoxale Formulierung, die auf den Abgrund zwischen der transzendentalen Idee und dem empirischen Fakt hinweist, ist heute noch aktuell; in manchen Situationen ist dieser Abgrund sogar noch größer geworden.

Seit Rousseau und der französischen Revolution haben sich die sozialen Strukturen innerhalb und zwischen den einzelnen “Parteien” (verschiedene Regionen, verschiedene Staaten und verschiedene Gesellschaften) langsam aber sicher verändert. Obwohl die Idee, dass sich die moderne Welt auf Freiheit gründet, nach wie vor gültig ist, hat sich herausgestellt, — und das hätte man im Prinzip von Anfang an vorhersehen können: Freiheit ist ein nicht fundierendes Fundament, Freiheit kann prinzipiell nicht herangezogen werden, um irgendetwas zu fundieren. Und das hat einen ganz einfachen Grund: freie Menschen können ihre eigene Unfreiheit wählen. Wenn sie dies nicht könnten, wären sie nicht wirklich frei. Was hier auf den ersten Blick wie eine philosophische Spitzfindigkeit wirkt, hat sehr reale theoretische und praktische Auswirkungen für unsere heutige und auch für unsere zukünftige Welt.

Was ist die Moderne?
Wie wurde ihre Geschichte erzählt?
Die erste Geschichte der Moderne war auf den Konflikt zwischen dem Alten und dem Neuen fokussiert. Die “ehrwürdigen alten Ideen” verloren ihren Glanz und ihre Autorität, während neue Ideen im Licht von Schönheit und Wahrheit erstrahlten. Dann gab es aber noch eine zweite Geschichte, die von der französischen Revolution bis in das 19. Jahrhundert hinein erzählt wurde. Diese sogenannte “große Erzählung” handelt vom universalen Fortschritt, der im Orient begann und sich über das antike Griechenland und Rom letztlich im Europa unserer Zeit manifestierte. Hier wurde auch das Ziel dieses Fortschritts erreicht: die Vollendung der Weltgeschichte. Aber diese „große Erzählung“ kann auch unter geänderten Vorzeichen erzählt werden, als Geschichte des Verfalls und der Dekadenz. So gesehen würde man die Geschichte rückwärts erzählen, mit der Moderne als ihrem Ausgangspunkt.

Was ist dann also…die Moderne?

Dass die soziale Ordnung der Moderne im Gegensatz zu allen bisherigen Ordnungen steht wurde bereits angesprochen, denn: die Moderne hat ihr Fundament in der Freiheit. Doch diese Aussage bleibt leer, solange man nicht die Struktur der sozialen Ordnung der Moderne näher betrachtet. Was sind also die zentralen Bestandteile der Moderne, was ist ihre “Logik”? Welche Dialektik, welche innere Spannung zwischen Gegensätzen charakterisieren sie? Was war nötig für ihr Überleben? Was sind die Möglichkeiten der Moderne? Und wo liegen die Grenzen dieser Möglichkeiten?

Ich denke, dass es drei fundamentale Logiken der Moderne gibt (ebenso denke ich, dass es weitere, nicht-fundamentale Logiken gibt, die ich hier nicht diskutieren werde).

Erstens: die Verteilung und Verbreitung von Gütern, Menschen und Dienstleistungen am Markt; grob gesagt (sehr grob sogar): der Kapitalismus.

Zweitens: die konstante Entwicklung von Wissenschaft und Technologie, anders gesagt, ein Anwachsen von praktischem und theoretischem Wissen.

Drittens (und das ist hier bereits vorausgesetzt): die Möglichkeit, die politischen Regeln und Institutionen frei zu wählen.

Keine dieser drei Logiken kann aus der Moderne ausgeklammert werden, der Verlust jeder einzelnen würde zum Kollaps unserer modernen Welt führen. Jedoch, wie die Menschen diese Möglichkeit nützen, um die politischen Regeln und Institutionen zu wählen ist der Schlüssel zu all ihren Freiheiten.

Kurz gesagt: das Ausmaß, in dem die Menschen freie Institutionen erschaffen (wie es in liberalen Demokratien geschieht), bestimmt, inwieweit die dritte Logik die ersten beiden kontrollieren kann. In Bezug auf den Markt bedeutet dass, sich dessen bewusst zu sein, wie seine Verteilungsregeln soziale Ungleichheit fördern können. Politische Einrichtungen können hier durch Umverteilung eingreifen, um verhängnisvolle Konsequenzen abzuwenden. Was den wissenschaftlichen und technologischen Fortschritt betrifft, können politische Entscheidungen den Einsatz von Technologien mit möglicherweise gefährlichen Auswirkungen kontrollieren und limitieren. Immer, wenn politische Institutionen nicht frei gewählt und wieder-gewählt werden, wenn die Macht nicht aufgeteilt wird, gibt es keine Möglichkeit, Markt und Technologie zu kontrollieren. Daher ist politische Freiheit eine Bedingung für die Sicherheit der Menschen.

In den Anfängen wurde Universalismus als exklusivistische Idee formuliert (“alle Menschen” bedeutete europäische und nordamerikanische Männer), doch nun ist Universalismus zu einer geteilten Norm geworden. Die Deklaration der Menschenrecht der Vereinten Nationen beginnt mit dem Satz: “Alle Menschen sind frei geboren” und diese Deklaration wurde von allen Nationen rund um den Globus unterzeichnet, inklusive aller Diktaturen. Die Welt ist modern geworden, nicht nur im normativen sondern auch im empirischen Sinne, denn man teilt sich nun die drei Logiken der Moderne. Die ersten beiden (Marktwirtschaft, Wissenschaft und Technologie) entstehen spontan, die dritte jedoch nicht.

Die dritte Logik der Moderne ermöglicht es Menschen eines Landes, eines Staates oder einer Stadt ihre eigenen politischen Institutionen zu wählen; und damit auch die Formen der Regeln, die jedes Mal zum Einsatz kommen, wenn die Gefahr auftritt, dass die erste oder zweite Logik außer Kontrolle geraten. Der Markt gerät außer Kontrolle, wenn er zu Massenarmut und Hungerkatastrophen führt, die wiederum zu Revolten, Genoziden und Krieg führen. Wissenschaft und Technologie geraten außer Kontrolle, wenn ihre Ergebnisse unsere Flüsse, Seen, Meere, unsere Luft – kurz: unseren Lebensraum – vergiften, oder Kriegsmaschinen produzieren, die beitragen, Mensch und Natur vernichten. Die Sicherheit unserer und aller folgenden Generationen hängt an unseren politischen Entscheidungen, sie hängt an der dritten Logik. Die Sicherheit unserer und aller folgenden Generationen hängt daher an unserer Freiheit, genauer gesagt, daran, wie wir von unserer Freiheit Gebrauch machen.

Die Moderne ist auf Freiheit aufgebaut, allerdings, ich wiederhole es: die Freiheit ist ein Fundament das nicht fundiert. In den meisten Teilen der Welt ist Rousseaus Paradox immer noch gültig: alle Menschen sind frei geboren, liegen aber fast überall in Ketten. Sie sind frei, sich selber Diktatoren, Tyrannen, Oligarchen und totalitären Regimen zu unterwerfen, sie können aber auch in liberalen Demokratien leben. Totalitäre Regime können ebenso kollabieren wie liberale Demokratien – das 20. Jahrhundert bietet dafür mehrere Beispiele. Es ist vernünftig anzunehmen, dass die Welt nicht von selber einfach so weiterläuft, dass Friede nicht ewig halten wird, dass die dunklen Wolken am Horizont der liberalen Demokratien sich nicht von selber auflösen werden; dazu müssen die Bewohner dieser Staaten erkennen, dass die Sicherheit der Welt, von Gesellschaften und von zukünftigen Generationen von unserer Freiheit abhängt, genauer gesagt von unserem Gebrauch der Möglichkeit zur Freiheit. Sie hängt vom Narrativ der politischen Freiheit ab, aber auch davon, für diesen Narrativ Verantwortung zu übernehmen.

Moderne Gesellschaften sind unzufriedene Gesellschaften. “Kapitän Fortschritt” hält das Steuerrad, trotzdem gibt nicht er die Richtung vor, dies tun seine Passagiere und die Crew. Um es ohne Metaphern zu sagen: die Unzufriedenheit ist gerechtfertigt, denn es gibt keine gerechte Gesellschaft und auch liberale Demokratien “bluten aus vielen Wunden”. Eine dieser Wunden ist Unsicherheit. Es gibt viele, und es wird sie immer geben, die sich die Fleischtöpfe Ägyptens herbeiwünschen, die darauf warten dass der Kapitän das Boot nach Utopia steuert. Allerdings sind Utopien hier keine Hilfe. Man kann die Moderne nicht überwinden, es gibt kein danach oder darüber. Mit solchen mythischen Hoffnungen kann man nur schlechtere Zustände innerhalb von modernen Gesellschaften herbeiführen.

Keine Gesellschaft kann Menschen glücklich machen, ihnen Liebe geben, oder ihnen persönlichen Erfolg oder Zufriedenheit mit dem eigenen Leben ermöglichen. Keine Gesellschaft kann völlige Gleichheit ermöglichen, aber sie kann ihren Bürgerinnen und Bürgern gleiche Rechte geben, und – soweit dies möglich ist – gleiche Möglichkeiten die eigenen Fähigkeiten auszubilden. Man wird niemals das Ziel einer völlig gerechten Gesellschaft erreichen können, da es solch eine Gesellschaft nicht geben kann. Jedoch gibt es ein politisches System, in dem jeder das Bestehende Verständnis von Gerechtigkeit anfechten kann. Es gibt keine absolute Freiheit, ebenso wenig wie absolute Sicherheit – wenn es sie gäbe, hätten wir nichts mehr, für das es sich zu leben lohnt. Homo Sapiens wird nicht völlig gut, rational oder gar perfekt werden. Jedoch – um Immanuel Kant zu wiederholen – er kann Institutionen erschaffen, die sogar das “Rennen der Teufel” in geordnete Bahnen lenken. Voltaires Vorschlag, unseren Garten zu kultivieren und zu pflegen, bleibt gültig. Die Moderne ist unser Garten, und darin der Kontinent, der Staat, die Stadt, der Ort, in dem wir leben. Das soziale und politische Leben ist gefährlich, heute vielleicht mehr als in früheren Zeiten. Warum ist es heute gefährlicher? Durch die umfassende Universalität – denn was an abgelegenen Orten geschieht, ist nicht bloß dort wirksam, denn es gibt keine abgelegenen Orte mehr. Wie sich in einem Organismus alle Teile beeinflussen, beeinflussen sich auch die Länder, was in einem Land geschieht, beeinflusst alle anderen. Unsere Verantwortung ist eine weltweite Verantwortung geworden. Da der Aktionsradius einzelner Menschen nicht sehr weit reicht, beginnt die Verantwortung einzelner Bürgerinnen und Bürger damit, alles in ihrer Macht Stehende zu tun um die Freiheiten innerhalb ihres Lebensraumes (ihres Dorfes oder ihrer Stadt) zu erhalten oder sie auszubauen. So kultivieren die Bürgerinnen und Bürger ihren eigenen Garten und so können sie auch anderen helfen, ihre Gärten zu kultivieren.“