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Zur Nachlese: Eröffnungsrede von Caspar Einem | SEM16

Neue Aufklärung – eine Einleitung

Der Begriff „Aufklärung“ erschließt sich im Deutschen nicht sofort – sein ursprünglicher Sinn entspricht nicht mehr dem Sprachgebrauch, zumindest nicht dem Alltagssprachgebrauch. In die Nähe kommt lediglich die Aussage im Wetterbericht, nach einem Sturm mit kräftigem Regen „klare es auf“. Es wird langsam wieder hell.

Der englische Begriff „Enlightenment“ macht ohne Umwege deutlich, worum es geht: Erleuchtung, es wird hell. Das Dunkel der Vorurteile, des bloßen Glaubens ohne Wissen, das Dunkel der Irrationalität sollten durch den Gebrauch der Vernunft durchbrochen, aufgeklart, erhellt werden.

Was hat uns dazu bewogen, gerade diesen Titel „Neue Aufklärung“ für das heurige Symposium in Alpbach zu wählen?

Zum einen war es wohl der Eindruck, dass die Kraft der Aufklärung seit ihrer Grundlegung im 18. Jahrhundert ermattet ist, jedenfalls deutlich an Einfluss verloren habe. Lassen Sie mich drei Beispiele für diese Sicht anführen:

  • Ist nicht der Rückfall in neue Nationalismen in Europa eine höchst irrationale Antwort auf die Ängste vor den Folgen der Globalisierung?
  • Hat das neue Gotteskriegertum mit vernunftgesteuerter Politik zu tun? Ist nicht der Krieg gegen die sogenannten westlichen Werte im Kern ein Krieg gegen die Aufklärung und ihre positiven Folgen?
  • Gibt es nicht noch immer wesentliche gesellschaftliche Bereiche, in denen auch heute die Kraft der Religion, der Religionen zu spüren ist, an denen die kühle Vernunft der Aufklärung vorbei gegangen ist, in denen noch mehr Empfindungen, als Rationalität zu spüren sind? Wie stellt sich etwa die jüngst in Italien aufgebrandete Diskussion über die Vielehe muslimischer Migranten im Lichte der Aufklärung dar? Das internationale Privatrecht hat die Frage zwar bereits im Sinne der Aufklärung gelöst, die erhebliche Erregung, die diese Diskussion freigesetzt hat, lässt allerdings annehmen, dass hier noch deutliche Differenzen zwischen dem Recht und dem Rechtsempfinden großer Teile der Bevölkerung bestehen.

Zum anderen aber zeigen sich an manchen Entwicklungen auch negative Folgen der Aufklärung, die Überlegungen zu einer Neuen Aufklärung zu rechtfertigen scheinen. Auch hier will ich drei Beispiele anführen:

  • Zwar ist wohl die geradezu stürmische Entwicklung der Wissenschaften, insbesondere der Naturwissenschaften zweifellos eine positive Folge der Befreiung von Denkverboten. Aber ist nicht die immer weitere Spezialisierung, die eine Verständigung zwischen Wissenschaftlern unterschiedlicher Fächer, ja sogar zwischen Wissenschaftlern des gleichen Fachs, aber eines anderen Forschungsstranges, geradezu unmöglich macht, auch eine Folge der zunehmenden Beleuchtung immer kleinerer Teile?
  • Zweifellos ist die Entwicklung der Demokratie eine der positiven Folgen der Aufklärung. Aber zeigt nicht etwa die jüngste Entwicklung in der Türkei auch die Grenzen der Vernunft-gesteuerten Befreiung des Individuums bei vollständiger Entfesselung der Demokratie, des Volkswillens unter der Anleitung durch den demokratisch gewählten Präsidenten?
  • Das in weiten Teilen Europas und der Welt geltende Strafrecht geht von zwei behaupteten, angeblichen Tatsachen seiner Wirkung aus: Einerseits sollen potentielle Straftäter von Taten dadurch abgeschreckt werden, solche Taten zu begehen, indem ihnen und aller Welt vor Augen geführt wird, dass sie andernfalls mit strengen Strafen zu rechnen haben. Und andererseits sollen Täter, die gegen das Recht verstoßen haben, durch Strafe von weiteren Taten abgehalten werden. Das sind die Prinzipien der General- und der Spezialprävention. Kinder der aufgeklärten Vernunft. Folgt man aber den Erkenntnissen der Hirnforschung der letzten Jahrzehnte stellen sich diese Prinzipien nicht ohne weiteres als vernunftgeleitete Reaktionen auf abweichendes und unerwünschtes Verhalten dar.

Eine Neue Aufklärung als Antwort?

Welche Grundlagen haben die hier behaupteten Probleme?

Was soll bewirkt werden?

  • Zum einen geht es ganz offensichtlich um Emotionen, die vielfach in Widerstreit mit den Prinzipien der Vernunft geraten.
  • Zum anderen ist wohl die Anforderung, den eigenen Verstand zu gebrauchen, um aus der Unmündigkeit zu entkommen, nicht gerade wenig verlangt.

Die Herausforderung liegt vielleicht darin, eine Brücke zwischen den Gefühlen, zu denen sich die Menschen leichter hingerissen sehen, als zur Selbstbefreiung aus der selbst verschuldeten Unmündigkeit, und der Vernunft – eine Brücke zwischen den Gefühlen und der Vernunft – zu schlagen, Empathie als Element vernünftigen Verhaltens einzuführen. Und zugleich emotionale Aufnahmsfähigkeit zu berücksichtigen. Im Kant’s kategorischem Imperativ liegt diese Antwort schon vorformuliert vor uns: Es geht darum, den jeweils anderen nicht mehr zuzumuten, als wir uns selbst zugemutet sehen wollen.

Im Bereich der Wissenschaften geht es aber nicht nur um das Verhältnis Einzelner anderen Einzelnen gegenüber, sondern um die Verantwortung gegenüber der Gesellschaft, die mit zu denken ist – Empathie im Großen sozusagen.

Meine Hypothese ist daher: Neue Aufklärung wird wohl nicht ohne Berücksichtigung der Emotionalität der Menschen auskommen, allerdings den Prinzipien der Vernunft verpflichtet bleiben müssen. Da liegt ein nicht ganz kleines Aufgabenfeld vor uns. Ich hoffe, die Seminare und Symposien der Alpbacher Gespräche werden helfen, in diesen Fragen voran zu kommen!

 

Caspar Einem, 17. 8. 2016