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Perspektiven der Slowakei, Ungarns und Sloweniens

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Schrödinger Saal
Plenary / Panel
in deutscher Sprache

Slavko Fras:
Slowenien ist für die in Mode gekommenen Entdeckungsreisen nach Osteuropa, um herauszufinden, wie Medienlandschaften nach der Abschaffung des kommunistischen Systems ausschauen, nicht geeignet. Im westlichen Teil des ehemaligen gemeinsamen Staates Jugoslawien war die Pressefreiheit schon lange vor dem Zerfall des sozialistischen Selbstverwaltungsystems im grossen Umfang vorhanden. Der relativ ruhig verlaufene Übergang in die parlamentarische Demokratie vom westeuropäischen Typ vor 13 Jahren war unter anderem auch dem Verhalten der Medien und ihrer pluralistischen Einstellung in entscheidenden Momenten zuzuschreiben.

Nur so ist es zu verstehen, dass die Medien, die unter früherem Regime die öffentliche Meinung beeinflussten, auch heute bestehen und ihre Rolle im verstärkten Masse zu spielen im Stande sind, ohne dass zuvor wesentliche konzeptuellen und personellen Einschnitte notwendig gewesen wären. Nicht einmal die Chefredakteure sind unter dem Gebot der neuen politischen Verhältnisse ausgewechselt worden. Die Kontinuität war möglich, weil sich die Medien schon früher kritisch gegenüber der herrschenden Politik verhalten haben und allmählich eine Äquidistanz zu allen Bewertungen des gesellschaftlichen Geschehens aufbauten. Ihre Arbeit konnten sie einfach fortsetzen.

So beherrschen die Tageszeitungen „Delo“ (Auflage 90.000), „Dnevnik“
(65.000) und „Vecer“ (65.000) die Szene wie früher, nur stehen sie nicht mehr im sogenannten gesellschaftlichen Eigentum. Sie sind privatisiert, sind Aktiengesellschaften geworden und ihre Aktien werden an der Börse gehandelt. Das grösste Verlagshaus, „Delo“, konnte sich noch ein Bulevardblatt namens „Slovenske novice“ (91.000 Exemplare täglich) dazulegen, um aus der laxer gewordenen Einstellung zur journalistischen Qualität Nutzen zu ziehen und den Umsatz zu beleben.

Nach der politischen Wende Anfang des vergangenen Jahrzehnts hiess es, Slowenien brauche auch konservative Zeitungen, denn die bestehenden verhalten sich doch ziemlich liberal. Also stellte man das notwendige Geld, und zwar aus dem Staatskasse, zur Verfügung. Sogleich entstand die Tageszeitung, die genau so hiess, wie das vor dem Weltkrieg und während des Weltkriegs erscheinde Organ der damaligen Mehrheitspartei, der christlichen Slowenischen Volkspartei, hiess, nämlich „Slovenec“. Nur einige Monate konnte die Zeitung bestehen, obwohl sie der damaligen DEMOS-Regierung, in der weder Liberale noch ehemalige Kommunisten sassen, sehr nahe stand, dann musste sie ihr Erscheinen wegen Mangel an Lesern einstellen. Nach einiger Zeit erschien eine neue konservativ orientierte Zeitung, „Jutranjik“ (Morgenblatt), aber sie musste aus gleichen Grund schon nach weniger Wochen eingestellt werden. Das Problem des angeblichen Mangels am „Informationsgleichgewicht“ blieb also bestehen und die gegenwärtige konservative politische Opposition nützt jede Gelegenheit, um auf dieses „Demokratiedefizit“ hinzuweisen. Aber die Wahrheit ist, dass die liberal ausgerichtete slowenische Presse von tagtäglicher scharfer Kritik an der Politik der Regierung lebt und die oppositionellen Ansichten konsequent abdruckt.

Slowenien hat auch eine Tageszeitung, die ausschliesslich der Wirtschaft gewidmet ist und „Finance“ heisst. So etwas wurde früher nicht vorstellbar, das machte die Öffnung politischer und sonstiger Horizonte möglich. Dahinter steckt das Interesse eines schwedischen Verlagshauses, das übrigens auch in Wien ein Wirtschaftsblatt unterhält und überall in Ost- und Mitteleuropa Zeitungen gründet.

Die sechs Tageszeitungen haben eine Gesamtauflage von 345.000 Exemplaren. Da es in Slowenien praktisch keine Analphabeten gibt, ist diese Zahl bei zwei Millionen Einwohnern im internationalen Vergleich nicht gerade gross. Dem versucht man abzuhelfen. Einerseits werden Pläne erstellt, wonach die
Regional- und Lokalzeitungen, die einmal oder zweimal in der Woche erscheinen, in Tageszeitungen umzuwandeln. Man hat erkannt und auch internationale Erfahrungen zeigen, dass die Zukunft der Medien in der Lokalmeldung steckt. Andererseits vernimmt man ausländisches Interesse, in Slowenien neue Zeitungen zu gründen. Führend in dieser Hinsicht ist der grazer Styria-Verlag, der schon in der kroatischen Medienlandschaft anwesend ist und in Slowenien wöchentlich eine Gratiszeitung an die Haushalte verteilt. Styria beschloss, eine eigene Tageszeitung in Slowenien zu gründen, freilich in slowenischer Sprache und mit slowenischer Belegschaft. Der Chefredakteur, ein führender slowenischer Journalist, ist bereits angestellt. Die Zeitung, die „Slovenija-Ekspres“ heissen wird, soll Anfang 2005 erstmals erscheinen.

Einige Angaben noch zu Wochenzeitungen. Hier sind die politischen und weltanschaulichen Unterschiede deutlich zu erkennen. Die katholische, eigentlich kirchliche Zeitung „Druzina“ (Familie) hat eine Auflage von 75.000 und einen fast 9-prozentigen Marktanteil, das mit der Regierung auf Kriegsfuss stehende Wochenblatt „Mag“ kommt offiziell mit 20.000 Exemplaren heraus, das in den Umbruchzeit international bekannte Magazin „Mladina“ behandelt sogar die Liberaldemokraten als Reaktionäre und wird von 20.000 Menschen gekauft.

In Slowenien erscheinen insgesamt 600 periodische Publikationen, aber die Erforscher der Medienlage stellen immer wieder fest, dass die Bewohner dieses Landes davon immer weniger Gebrauch machen. Sie orientieren sich schneller als andere Europäer auf elektronische Medien und Internet. Es gibt 49 Fernseh- und 76 Radioprogramme, zehn Mal soviel wie noch vor einem Jahrzehnt. Im vergangenen Jahr waren 38 Prozent der Haushalte an das Internet angeschlossen (der EU-Durchschnitt liegt bei 41 Prozent), im Jahre 1999 waren es noch 15 Prozent.

Die beherrschende Position im Bereich elektronischer Medien hat RTV Slovenija, die zwei ganztägige Fernsehprogramme in slowenischer Sprache und ein gemischtes italienisch-slowenisches im Küstengebiet unterhält. Unter gleichen organisatorischen Dach sind auch drei 24-stündige Radioprogramme in slowenischer Sprache, ein italienisches und ein ungarisches Programm. Der Generaldirektor des Gesamtunternehmens muss vom slowenischen Parlament bestätigt werden. Die oberste Programmführung hat der RTV-Rat, in dem vorwiegend Abgesandte verschiedener Gesellschaftsbereiche sitzen. Die „nationalen“ Fernsehprogramme weisen 35 Prozent der Zuschauer auf und können per Satelit in ganz Europa und in Teilen Asiens und Amerikas gesehen werden. Als Konkurrenz steht dem nationalen Fernsehen das private und rein kommerzielle POP-TV entgegen. Es ist im Jahre 1996 von der bekannten, in den
mittel- und osteuropäischen Länder vernehmbar anwesende Finanzgruppe CME (Central European Media Enterprises) und einigen slowenischen Kapitaleignern gegründet worden und hat in kurzer Zeit 38 Prozent der Zusachauer an sich gezogen.

Und jetzt zu inhaltlichen Anregungen, die ich von den Organisatoren dieses heutigen Treffens bekommen habe. Zuerst die Frage, ob die Konsumenten slowenischer Medien über die Vorgänge in anderen EU-Ländern informiert sind. Die so gestellte Frage überrascht mich zwar nicht, wundert mich aber trotzdem. Über den Informationsmangel kann man in verschiedene Richtungen sprechen, etwa in Richtung, ob man denn wirklich nicht wisse, dass man in den sogenannten Ubergangsländern, die inzwischen EU-Mitglieder geworden sind, viel besser über die politischen und sonstigen Vorgänge in Europa und anderswo informiert ist als umgekehrt. Und das ist eine Tradition, die weit in die Zeit nach dem zweiten Weltkrieg reicht. So wie vor dreissig oder vierzig Jahren haben slowenische Medien auch heute eigene ständige Korrespondenten in allen grösseren europäischen Ländern und auch in den USA und in China. Durchgesetzt hat sich auch die Praxis, dass nicht nur die Zeitungen, sondern auch das Radio und Fernsehen eigene Leute draussen haben müssen. Überall haben bin einen oder zwei Korrespondenten, in Wien sogar drei, abgesehen von den ständigen Mitarbeitern für verschiedene Spezialbereiche, wie Kultur. Man kann sagen, die slowenische Öffentlichkeit wird täglich über die politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Zustände in den EU-Ländern informiert und weiss genug. Die Frage ist nur, ob auch in den ältern EU-Ländern so ist, was das Wissen über die Neuankömmlinge betrifft und ob man weiss, dass auch dort Missverständnisse und Klischees durch permanente Information abgeschafft werden müssen. Ich nehme gerne die Gelegenheit wahr, hier lobend die Austria Presseagentur zu erwähnen. Ihr Mitarbeiternetzt in den Nachbarländern und auch im breiterer Umgebung trägt bedeutend zur Hebung des Informationsniveaus bei. Man darf sich nur fragen, ob andere Medien hier mitziehen.

Ob das Bewusstsein der Zugehörigkeit zu Europa über Medien in Slowenien vermittelt wird, wird gefragt. Das Bewusstsein der Zugehörigkeit zu Europa ist kein Diskussionsthema. Slowenien, das im Zentrum Europas liegt, kann sich nicht anders als Europa zugehörig fühlen. Das ist nie anders gewesen. Dieses Bewusstsein braucht nicht über Medien oder sonstwie übermittelt werden. Es handelt sich vielmehr um die Zugehörigkeit zu einer Gemeinschaft, der Europäischen Union, die sich die Sicherung des dauerhaften Friedens in Europa zum Ziel gesetzt hat und dafür als Mittel für die dazu notwendige Harmonisierung der Interessen die Integration aller wirtschaftlicher und menschlicher Potentiale benützt. Das wird den Menschen freilich tagtäglich mittels aller Medien beigebracht und ihnen auch nicht verheimlicht, dass sich daraus Schwierigkeiten ergeben können. Im wirtschaftlichen Bereich zu Beispiel, dass die hinkende technologische Entwicklung und die ungenügende Produktivität nachteilige Folgen für die Hebung der Lebensqualität haben könnte. Oder dass das Festhalten an bisherige Lebensgewohnheiten die Trends zur regionaler Selbstbehauptung und damit zur Distanz zum Gemeinsamkeitdenken schaffen könnte. Jedenfalls macht man klar, dass der EU-Beitritt eine ernste Sache íst, die den Einsatz der Gesamtbevölkerung fordert. Man versteht das. Das Thema, das in diesem Zusammenhang heute in Slowenien wirklich intensiv diskutiert wird, ist die Frage nach nationaler und sprachlicher Identität – kann man sie in diesem babilonischen Superstaat auf die Dauer bewahren? Auch wird die Frage gestellt, ob sich die – sagen
wir: die bisherigen – europäischen Völker dessen bewusst sind, dass sie mit der EU-Erweiterung in den unmittelbaren Kontakt mit der dritten grossen europäischen Völkergruppe, der slawischen, gekommen sind und dabei niemand weiss, ob sie das auch richtig verkraften werden können. Wichtige Themen, mit denen sich allerdings die kommenden Generationen befassen und sie zu vernünftigen Schlüssen werden führen müssen.

Vereinigung europäischer Journalisten (VEJ) - Internationaler Generalsekretär Paneuropa-Union Slowakei - Generalsekretär
Büroleiter, ORF - Österreichischer Rundfunk, Budapest
Chefredakteur der Zeitschrift "Filozofia"
Herausgeber des Wirtschaftsmagazins "Haszon"
Journalist, Author and Political Analyst; Co-Publisher and Editor-in-Chief, Europäische Rundschau, Vienna

PhDr. Juraj ALNER

Vereinigung europäischer Journalisten (VEJ) - Internationaler Generalsekretär Paneuropa-Union Slowakei - Generalsekretär

Abschluss Komenius-Universität, Bratislava Autor der ersten Publikation über die Geschichte der slowakischen und tschechischen Emigration (verboten) Berufsverbot wegen "Antikommunismus" und "Antisowjetismus" Chefredakteur Cas (Die Zeit) Kommentator der Tageszeitung Národná abroda zahlreiche Vorträge im Ausland und in der Slowakei (Europäische Integration, Mitteleuropa, slowakische Politik ua.) Mitglied Team Europe, Präsident der Slowakischen Sektion der VEJ
1959
1964-1969
1970-1989
1990-1991
1991-1998
seit 1990
seit 1993

Mag. Ernst GELEGS

Büroleiter, ORF - Österreichischer Rundfunk, Budapest

Studium der Politikwissenschaft und Publizistik, Universität Wien Diplomarbeit: Fachrichtung Internationale Politik; Thema: Nahostkonflikt Eintritt in den ORF (Hörfunk), journalistischer Mitarbeiter in der Sportredaktion und beim aktuellen Dienst Hörfunk Reporter Aktueller Dienst, Landesstudio Niederösterreich Reporter/Redakteur Zeit-im-Bild, Ressort Innenpolitik ORF Korrespondent in London Reisekorrespondent in Krisengebieten wie Serbien, Kroatien, Bosnien, Nordirland, Irak und in zahlreichen
1981-1986
1986
1981
1986-1991
1991-1995
1996-1997
  europäischen Ländern, die kurzfristig in den Blickpunkt der Öffentlichkeit gerieten wie Albanien,
  Slowakei, Ägypten, Syrien etc.
1996-1999

Prof. PhD. Frantisek NOVOSAD

Chefredakteur der Zeitschrift "Filozofia"

Studium der Philosophie und der Politischen Ökonomie, Comenius Universität Bratislava Lehrtätigkeit an der Philosophischen Fakultät der Comenius Universität Wissenschaftlicher Mitarbeiter des Instituts der Philosophie der Slowakischen Akademie der Wissenschaften Chefredakteur der Zeitschrift "Filozofia" - Senior Editor der parlamentarischen Zeitschrift "Parlamentny Kurier"
1966-1971
1972-1985
seit 1985
seit 1990
1993-1999

Mag. Karl STIPSICZ

Herausgeber des Wirtschaftsmagazins "Haszon"

Studienaufenthalt in Budapest Studienaufenthalt in Paris Redakteur, ORF Redaktion für Ost- und Südeuropa Korrespondent, ORF Budapest Programmdirektor "TV2", Budapest
 Studium der Wirtschaftswissenschaften, Wirtschaftsuniversität Wien
1983
 Mitarbeit "Wochenpresse" Wien, "Die Zeit" Hamburg, Korrespondent "Neue Züricher Zeitung"
1984
1984-1989
1989-1995
1997

Paul LENDVAI

Journalist, Author and Political Analyst; Co-Publisher and Editor-in-Chief, Europäische Rundschau, Vienna

Wiener Korrespondent der britischen Tageszeitung "Financial Times" sowie Kolumnist für österreichische, deutsche und Schweizer Zeitungen und Rundfunkanstalten Leiter der Osteuropa-Redaktion des ORF - Österreichischer Rundfunk Intendant von Radio Österreich International
1960-1982
1982-1987
bis 1998
  Leiter des "Europastudios", der monatlichen, internationalen TV-Diskussionssendung des ORF
  Kolumnist Tageszeitung "Der Standard", Wien

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