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Wie man lernt, Leidenschaften zu kultivieren

Matthias Strolz, langjähriges Vereinsmitglied des Europäischen Forums Alpbach, über Resilienz-Strategien in der Spitzenpolitik. Erschienen in der Tageszeitung „Die Presse“ vom 31. Mai 2018.

Jeder muss gerade auch im politischen Geschäft seine eigenen Wege finden, um seine Leidenschaften zu beherrschen. Aber um nach vorn schauen zu können, sind bewusste Umgangsformen und auch Auszeiten unumgänglich.Okay, Politik ist nicht alles. Aber fast alles ist politisch. Zumindest wenn du so gestrickt bist, wie ich es bin. Das habe ich mir nicht ausgesucht. Schicksalhafte Fügung – war’s in der Muttermilch oder ansozialisiert?

Ich weiß es nicht. Ich weiß nur: Politik ist Teil meines Lebens. Sie war immer Teil. Und wird immer Teil sein. Und damit war für mich bereits in Jugendjahren klar: Achtung, mit dieser Leidenschaft muss ich einen konstruktiven Umgang finden. Die kultivierte Leidenschaft ist eine wuchtige Eingangstür zum persönlichen Glück. Die obsessive Leidenschaft verwächst sich gern ins Pathologische – sie ist eine Rutsche ins Unglück.

Überleben in der „Vuka-Welt“

Und ich bin da nicht alleine. Wohl fast jeder und jede von uns hat so einen Tick, eine tief sitzende Leidenschaft. Oder gar mehrere. Etwas, wo man sich angezogen fühlt, wo man anspringt, wo man Blut geleckt hat. Die eine hat es mit Briefmarken, der nächste mit Gartengestaltung, der dritte mit Sprachen. Es ist ein Glück, wenn man sein Hobby, seine Leidenschaft, zum Beruf machen kann. Es ist aber auch gefährlich. Leidenschaft ist – in Abwandlung eines Zitats von Franz Grillparzer – eine Eigenschaft, die potenziell Leiden schafft. Vor allem dann, wenn sie vollends von uns Besitz ergreift, uns mit Haut und Haaren verschlingt. Und daher wird es zum obersten Gebot, sich – in Selbstliebe und Selbstfürsorge – eine entschlossene Selbstführung mit auf den Weg zu geben.

Jede Leidenschaft, die in uns wohnt, ist ein Kultivierungsauftrag an unser Leben. Wenn wir diesen Lebensauftrag annehmen und gut meistern, dann sind wir auch in hohem Maße widerstandsfähig. Wir können dann Krisen besser bewältigen, weil wir persönliche Ressourcen gut nutzen können und so immer wieder den Anstoß für eine positive persönliche Weiterentwicklung finden. Wir haben also – so würde die Sozialwissenschaft sagen – einen wichtigen Schlüssel zur Resilienz gefunden. Und Resilienz ist gefragt in einer „Vuka-Welt“ – in einer Welt, die volatil, unsicher, komplex und ambivalent ist. Wir brauchen positive Zugänge, um in Zeiten wie diesen nicht in den Zynismus, die Arroganz, die Ignoranz oder das Burn-out zu wachsen.

Das Thema hat mich in den letzten Jahren in der Spitzenpolitik immer wieder beschäftigt. Wie kann ich auf der positiven Seite bleiben? Wie kann ich gut entscheidungs- und handlungsfähig bleiben? Wie schaffe ich es, dass sich meine Leidenschaft Politik nicht pathologisch verwächst? Es galt, meine Kraftquellen gut zu kultivieren, um der Wucht des politischen Alltags mit Wertschätzung, Enthusiasmus und Entschlossenheit zu begegnen.

Die Politiker als Gärtner

Natürlich ist mir bewusst, dass ich als Spitzenpolitiker stets Gefahr laufe, eine Déformation professionnelle, gewissermaßen eine „berufliche Entstellung“, zu entwickeln. Ich sehe überall Politik. Im Beruf klarerweise, aber auch im Urlaub – und selbst im Alltagsleben wie der Geburtstagsparty meiner Tochter schwingt irgendwo immer ein politischer Teil in mir mit. So wie die Autoliebhaberin überall Autos sieht, der werdende Vater überall Schwangere, die Künstlerin während einer Filmszene ein Kunstwerk im Hintergrund besonders auffällt, das wir „anderen“ nicht einmal wahrnehmen, so ist das bei mir mit der Politik. Überall gibt es politische Dynamiken und Hintergründe.

Politik ist also Teil meines Lebens – den ich in den letzten sieben Jahren auch zu meinem Beruf gemacht habe. Weil Politik für mich Leidenschaft und Berufung ist und ich meinen Beitrag für eine neue Art der Politik leisten will. Ich sehe Politiker als Gärtner des Lebens – sie bestellen soziale Felder. Um hier erfolgreich sein zu können, erlebe ich es als wichtig und hilfreich, eine klaren Vision zu haben (die Antwort auf die Frage „Wohin?“) und gut in die Zuversicht gebettet zu sein.

Flutungen des Alltags

Es klingt jetzt nicht nach der größten Herausforderung, diese Eigenschaften zu bewahren. Dennoch drohen sie durch die Flutungen des politischen Alltags ständig verschüttet zu werden. Der Computer brummt, das Handy klingelt, die Nachrichten tickern über den Bildschirm, der Terminkalender ist für Monate voll ausgebucht – zu all diesen Reizen, die wohl viele Berufstätige unserer postmodernen Welt kennen, gesellt sich im politischen Geschäft noch der Umstand, unter permanenter Beobachtung und Kritik zu stehen. Mediale Be- und Verurteilungen, öffentliche Konfrontationen und die wechselseitigen Beschädigungen der Politiker untereinander hören nie auf. Man steht mit ihnen auf, geht mit ihnen schlafen, merkt, wie auch die nähere und sogar etwas weitere Familie nicht davor gefeit ist, in diesen Sog des politischen Alltagsgeschäfts gezogen zu werden.

Ich will mich nicht beschweren. Es ist ein selbst gewähltes Schicksal und die Konsequenzen daraus waren mir vollends bewusst, als ich mich für diesen Weg entschieden habe. Es muss sich nur jeder, der im politischen Geschäft tätig sein will, über diese Umstände und Konsequenzen im Klaren sein – und dann entsprechende, individuell passende Strategien entwickeln, um damit einen konstruktiven Umgang zu finden.

Wer „im politischen Geschäft“ wertschätzend und authentisch bleiben will, wer sich den Mut und Enthusiasmus seiner Anfangsphase bewahren will, wer in den Ring steigt, um wahrhaftig den Wettbewerb der besten politischen Lösungen auszurufen und zu leben, der braucht neben Risikobereitschaft, Beharrlichkeit, Freude am Tun und dem Feuer der sachlichen Leidenschaft auch Mittel und Wege, mit der permanenten Öffentlichkeit der eigenen Person umzugehen.

„Dicke Haut“ ist unerlässlich

Die viel zitierte „dicke Haut“ ist in unserem Metier wohl unerlässlich. Gleichzeitig gilt es, sie so zu entwickeln, dass man nicht in Ignoranz und Gefühllosigkeit kippt oder gar umfassend zynisch wird. Von dort wäre es nicht mehr weit zum puren Opportunismus. Es ist problematisch, wenn dieser in einer Partei oder einem politischen System das Oberkommando übernimmt.

Für mich war und ist es essenziell, auch immer wieder mal aus dem „Hamsterrad der Alltags“ auszubrechen, um meine Energien und auch meine Leidenschaft zu schützen und zu kultivieren. Jeder muss hier seine eigenen Wege finden. Mir hilft der Rückzug in die Familie, in die Ruhe oder in die Natur. Das gibt mir große Kraft und erdet mich. Auch mal bewusst ein paar Tage das Handy nicht einschalten. So lade ich meine Batterien wieder auf, um mit voller Kraft und mit Liebe zum Leben Politik zu machen und meinen Beitrag zu leisten, die Welt positiv mitzugestalten.

Politik ist Teil meines Lebens – damit ich aber jeden Tag voller Energie und Tatendrang nach vorn schauen kann, sind bewusste Umgangsformen und auch Auszeiten unumgänglich.