to Content
Header Image

Health and illness – Individuals and the health care system

-
Erwin-Schrödinger-Saal
Plenary / Panel
german language

Speakers

Vorstand, Institut für Ethik und Recht in der Medizin, Universität Wien Abstract
Gesundheit und Krankheit  der Einzelne und das Gesundheitssystem

Zu den Wahlkampfthemen gehört die Gesundheitsreform. Die alte Regierung ist an diesem Thema gescheitert. Die Ärztekammer warnt vor Qualitätseinbußen. Plakate mahnen: "Sie haben nicht die billigste Medizin verdient, sondern die beste". Aber was ist die beste Medizin? Und wie lassen sich die steigenden Kosten im Gesundheitswesen gerecht finanzieren?

Allokationsfragen - ein gesundheitspolitisches Tabu

Hinter der ethischen Frage der optimalen Versorgung stehen letztlich Allokationsfragen, die in unserem Gesundheitssystem noch immer tabuisiert werden. Das führt dazu, dass die Probleme der Ressourcenverteilung auf dem Rücken der Patienten ausgetragen werden, weil man nicht auf höherer Ebene über Allokationskriterien entscheiden will.
Wie allgemein in der Ökonomie ist "Knappheit" eine grundlegende Kategorie auch in der Medizinökonomie. Unter Allokation - das Wort stammt vom lateinischen "allocare" = platzieren oder zuteilen - versteht man allgemein die Zuteilung von beschränkten Ressourcen an potentielle Nutzer oder Empfänger. Im Gesundheitswesen geht es um die Zuteilung von finanziellen, materiellen und personellen Ressourcen.

Ambivalenzen des medizinischen Fortschritts

Zu den Ambivalenzen des medizinischen Fortschritts gehört es, dass nicht nur Krankheiten geheilt und neue Therapien entwickelt werden, sondern dass auch neue Krankheitsbilder und erzeugt werden und neue Knappheiten entstehen.
Ein Beispiel sind sogenannte Wachkomapatienten, die man nicht kannte, bevor die moderne Intensivmedizin entstand. Nun haben Menschen eine Überlebenschance, die früher nach einem schweren Unfall oder einem Herzstillstand gestorben wären, deren Gehirn aber so schwer geschädigt ist, dass sie das Bewusstsein nicht wiedererlangen.
Oder man denke an die moderne Transplantationsmedizin. Dank Organtransplantation können Menschen weiterleben, die früher wegen einer Organschädigung hätten sterben müssen. Doch erzeugt die Transplantationsmedizin auch ein neues Knappheitsphänomen: das Problem der Organknappheit.


Unsere Begriffe von Krankheit und Gesundheit

Allokationsprobleme entstehen nicht nur durch die Entwicklung neuer kostenintensiver Therapien und Medikamente, sondern auch durch die Ausweitung des medizinischen Handlungsfeldes. Neben Kriterien der Gerechtigkeit im Gesundheitswesen sind darum auch unsere Begriffe von Krankheit und Gesundheit, d.h. die legitimatorischen und teleologischen Kategorien der Medizin zu diskutieren.
Krankheit ist die "legitimatorische" Kategorie der Medizin: Wird eine Krankheit diagnostiziert, ist ärztliches Handeln gerechtfertigt und geboten. Gesundheit ist die "teleologische" Kategorie der Medizin (von griechisch "telos" = Ziel, Zweck): Die Wiederherstellung und Erhaltung von Gesundheit ist das definierte Ziel aller Maßnahmen im Gesundheitswesen.
Ein Problem im Gesundheitswesen, das auch finanzielle Auswirkungen hat, ist die Tendenz, alle möglichen Befindlichkeitsstörungen oder natürlichen Prozesse - wie z.B. das Altern - zu behandlungsbedürftigen Krankheitszuständen zu erklären.

Krankheit: Eine Inhaltssuche aus Sicht der Medizinethik


Nicht-Krankheiten

Um der bedenkenlosen Pathologisierung von im Grunde natürlichen Vorgänge und Diversitäten Einhalt zu gebieten, wird darüber diskutiert, einen Begriff von Nicht-Krankheiten zu entwickeln.
Der britische Mediziner Richard Smith definiert Nicht-Krankheiten als "einen menschlicher Vorgang oder ein Problem, das von manchen als Erkrankung beurteilt wird, obwohl es für die Betroffenen von Vorteil sein könnte, wenn dies nicht der Fall wäre".

Auf der Suche nach "Nicht-Krankheiten"

Gerechtigkeit im Gesundheitswesen

Die gesundheits- und sozialpolitische Aufgabe besteht darin, für Gerechtigkeit im Gesundheitswesen zu sorgen. Gerechtigkeit im Gesundheitswesen lässt sich nicht auf Verteilungsgerechtigkeit oder auf die Alternative zwischen dieser und der Tauschgerechtigkeit reduzieren. Wenn heute zu recht mehr Eigenverantwortung im Gesundheitswesen gefordert wird, bei der Prävention ebenso wie bei der Therapie und ihrer Finanzierung, so bleibt diese Forderung abstrakt und unsozial, wenn nicht zugleich von der Teilhabe- oder Befähigungsgerechtigkeit gesprochen wird.
Damit Menschen aus sozial schwachen Schichten Eigenverantwortung für ihre Gesundheit übernehmen können, müssen sie dazu allererst befähigt werden. Um die dafür notwendige Bildung und das entsprechende Einkommen zu erlangen, bedarf es einer aktiven und aktivierenden Sozialpolitik.Demokratische Gesundheitspolitik
Demokratische Gesundheitspolitik
Ethische Fragen der optimalen Versorgung bleiben solange ungelöst wie das Allokationsproblem in Politik und Gesellschaft tabuisiert wird. Lediglich neues Geld in das bestehende System zu pumpen ist keine Lösung. Sollen die Ausgaben für das Gesundheitswesen in einem angemessenen Verhältnis zu den sonstigen Aufgaben des Staates bleiben und also sinnvoll begrenzt werden, wird die Solidargemeinschaft in einzelnen Bereichen auch um Priorisierungen nicht herumkommen.
Das sind letztlich politische Entscheidungen, die in einem demokratischen Staat möglichst transparent und nicht hinter verschlossenen Türen getroffen werden sollten. Daher brauchen wir eine Grundsatzdebatte über soziale Gerechtigkeit - nicht nur in der Gesundheitspolitik.
Dabei dürfen ethische Grundsätze nicht über Bord geworfen werden. Das Subjekt der Medizin sind nicht das Gesundheitssystem mit seinen Finanzierungsengpässen, sondern die Patienten und ihre Lebensqualität.

Link: Ulrich Körtner, Alles oder das Richtige? Allokation im Gesundheitswesen
http://science.orf.at/science/koertner/152251
Head of Ethics Services, Austrian Province of the Hospitaller Order of St. John of God, Vienna
Professor, Gesundheitswissenschaften/Public Health, Hochschule für Angewandte Wissenschaften, Hamburg Abstract
Gesundheit und Krankheit- der einzelne und das Gesundheitssystem

 Gesundheit tritt heraus aus der  Verborgenheit (Gadamer), systematisch wird sie positiv konfiguriert und differenziert. Sie ist Gegenstand intensiver Entwicklungsarbeit in Wissenschaft, Medizin und Technik und Wirtschaft. In Produktgestalt ist sie käuflich und wird nachgefragt.
Krankheit und Gesundheit rücken zunehmend in die Zone individueller und gesellschaftlicher Verantwortung, abhängig von ökonomischen Parametern.
Gesundheitssysteme, primär auf die Bewältigung von Krankheit ausgerichtet, verlieren ihre Konturen. Das Konzept  Gesundheitswirtschaft tritt partiell an ihre Stelle. Ein Umbruch verändert radikal das bisherige Selbstverständnis von Medizin und Gesundheitswesen. Zentral ist die Frage nach dem Verhältnis von individueller und gemeinschaftlicher Verantwortung für die Gesundheit, die begrifflich neu gefasst werden muss. Der WHO- Gesundheitsbegriff muss dazu überwunden werden.
Editor Health, der STANDARD, Vienna Chair

Dr. Dr. h.c. Ulrich H.J. KÖRTNER

Vorstand, Institut für Ethik und Recht in der Medizin, Universität Wien

1975-1980 Studium der Evangelischen Theologie in Bethel/Bielefeld, Münster und Göttingen, Vikariat und Assistententätigkeit an der Kirchlichen Hochschule Bethel, Bielefeld
1982 Promotion an der Kirchlichen Hochschule Bethel
1986-1992 Gemeindepfarrer in Bielefeld
1987 Habilitation an der Kirchlichen Hochschule Bethel
1990-1992 Studienleiter an der Evangelischen Akademie Iserlohn
seit 1992 Ordinarius für Systematische Theologie an der Evangelisch-Theologische Fakultät der Universität Wien

Dr. MBA Jürgen WALLNER

Head of Ethics Services, Austrian Province of the Hospitaller Order of St. John of God, Vienna

1995-2001 Assistant, Erste Bank
2001-2003 Prae-Doc Researcher, Institute for Ethics and Law in Medicine, University of Vienna
2004-2008 Post-Doc Researcher, Faculty of Law, University of Vienna
2008-2010 Visiting Scholar, Georgetown University School of Medicine, Washington DC
since 2010 Head of Human Resources, Organizational Development, Ethics Services, Hospital St. John of God, Vienna
since 2012 Adjunct Professor for Legal Ethics, Faculty of Law, University of Vienna
since 2015 Head of Ethics Services and Head of Organizational Development, Austrian Province of the Hospitaller Order of St. John of God, Vienna

DDr. Karl-Heinz WEHKAMP

Professor, Gesundheitswissenschaften/Public Health, Hochschule für Angewandte Wissenschaften, Hamburg

 Studium Soziologie, Philosophie und Psychoanalyse in Frankfurt/Main und Bremen
 Studium Humanmedizin, Würzburg und Lübeck
 10 Jahre Klinische Tätigkeit, Facharzt für Gynäkologie-Geburtshilfe
 Forschungstätigkeit zu psychosomatischen und sozialmedizinischen Fragen
 Ethik - Forschung Universität Göttingen
 Ausbildung zum Psychotherapeuten
 Direktor, Sozialmed.-Psycholog. Institut Hannover
 Gründungsdirektor, Zentrum für Gesundheitsethik Hannover
 langjährige Beratungstätigkeit Ethik-Ökonomie in Kliniken
ab 1997 Prof. für Public Health HAW-Hamburg

Karin POLLACK

Editor Health, der STANDARD, Vienna

 Studium der Vergleichenden Literaturwissenschaften, Wien
 Dolmetscherin, St. Anna Kinderspital, Wien
seit 1999 Journalistin, profil und brand eins
seit 2006 Journalistin, Der Standard
seit 2012 Ressortleitung, Der Standard

Health Symposium

show timetable