Europas Position im Zeitalter der Machtpolitik neu denken


4 Mai, 2026

Einblicke in die EFA365-Podiumsdiskussion am 25. April im Rahmen des Delphi Economic Forum XI.

Wie kann Europa auf eine Welt reagieren, die zunehmend von Machtpolitik, strategischem Wettbewerb und Zwang geprägt ist?

Diese Frage stand im Zentrum der EFA365-Podiumsdiskussion am 25. April im Rahmen des Delphi Economic Forum XI.

Das Delphi Economic Forum ist eine gemeinnützige Organisation, die den internationalen demokratischen Dialog fördert und nationale sowie regionale Agenden mitgestaltet – mit besonderem Fokus auf den östlichen Mittelmeerraum und Südeuropa. Der Veranstaltungsort im historischen Delphi spiegelt den Zweck des Forums wider: ein Ort, an dem jahrtausendealtes Erbe auf zukunftsgerichtete Ideen trifft.

Über das Event

Vor diesem Hintergrund organisierte das European Forum Alpbach eine EFA365-Podiumsdiskussion zum Thema „Redefining Europe’s Position in an Age of Power Politics“, moderiert von Maria Demertzis, Mitglied des EFA Strategic Advisory Board und Professorin für Wirtschaftspolitik an der Florence School of Transnational Governance.

Die Sprecher:innen

Teil der Podiumsdiskussion waren:

- Arancha González Laya, Co-Vorsitzende des EFA International Advisory Board und Dekanin der Paris School of International Affairs an der Sciences Po  

- Dimitris Avramopoulos, EU-Kommissar (2014–2019), Außenminister (2012–2013), Mitglied des griechischen Parlaments  

- Leslie Vinjamuri, Präsidentin und CEO des Chicago Council on Global Affairs  

- Kiril Petkov, ehemaliger Premierminister Bulgariens (2021–2022), Volacom, Mitglied des NGIC Bulgaria

Das Panel widmete sich einer zentralen Herausforderung: Wie kann Europa sich in einer Welt neu positionieren, in der geopolitischer Wettbewerb erneut die internationalen Beziehungen prägt? 

Wirtschaftliche Stärke, fragmentierte Macht

Früh in der Diskussion zeichnete sich eine gemeinsame Diagnose ab: Europa verfügt über erhebliches wirtschaftliches Gewicht, seine geopolitische Wirkung wird jedoch durch Fragmentierung und begrenzte strategische Kohärenz eingeschränkt.

Arancha González Laya betonte, dass Europa sowohl wirtschaftliche Stärke als auch glaubwürdige Abschreckung benötige. Sie verwies auf eine unzureichend integrierte verteidigungsindustrielle Basis sowie das Fehlen eines gemeinsamen strategischen Ansatzes zur Abschreckung. Abschreckung bedeute, so erklärte sie, die Fähigkeit, Aggression durch glaubwürdige Verteidigungsfähigkeiten und Koordination zu verhindern. 

Von Soft Power zu Hard Power

Im Verlauf der Diskussion argumentierte auch Dimitris Avramopoulos, dass Europa sich nicht länger allein auf Soft Power verlassen könne – Hard Power werde zunehmend zentral.

Er betonte, dass der Weg nach vorne in der Entwicklung einer gemeinsamen europäischen Verteidigungspolitik liege, die durch ein gemeinsames Verteidigungsbudget untermauert werde. Letztlich gehe es um politischen Willen: ob Europa bereit sei, nationale Interessen zu überwinden, um gemeinsame Größe, Kohärenz und Wirksamkeit zu schaffen. 

Strategische Eigenständigkeit und Glaubwürdigkeit

Leslie Vinjamuri brachte eine wichtige Perspektive ein: Europa sollte strategische Entscheidungen nicht auf der Grundlage schwankender politischer Rhetorik oder Erwartungen in den USA treffen. Die öffentliche Meinung in den USA sei weiterhin grundsätzlich unterstützend gegenüber Bündnissen, auch wenn die politische Kommunikation inkonsistent erscheine.  

Sie betonte die Bedeutung langfristiger Kontinuität in den transatlantischen Beziehungen. Wenn Europa seine eigenen Fähigkeiten unzureichend kommuniziere, riskiere es, Narrative der Schwäche zu verstärken. Glaubwürdigkeit, so argumentierte Vinjamuri, beruhe sowohl auf Leistungsfähigkeit als auch auf Legitimität und erfordere eine bessere öffentliche Kommunikation über Europas Rolle und Stärken. 

Lehren aus Bulgarien

Kiril Petkov veranschaulichte anhand eines Beispiels, wie schnell Abhängigkeiten in der Praxis verändert werden können: Er beschrieb Bulgariens rasche Abkehr von der russischen Energieabhängigkeit durch Zusammenarbeit mit der EU und internationalen Partnern, insbesondere nach der Energiekrise 2022, ausgelöst durch die russische Invasion in der Ukraine. 

Das Beispiel Bulgarien zeigt eine grundlegende Erkenntnis: Abhängigkeit sei nicht nur strukturell, sondern auch psychologisch geprägt. Krisen könnten wahrgenommene Zwänge aufbrechen und zeigen, dass Diversifizierung möglich ist, wenn politische Entscheidungen entschlossen getroffen werden. 

Hin zu einer kohärenteren europäischen Strategie

Insgesamt zeigte das Panel in mehreren zentralen Zukunftsfragen für Europa eine klare Übereinstimmung. Dazu gehören die Kombination glaubwürdiger Abschreckung mit wirtschaftlichen Instrumenten, die Stärkung politischer Einheit in Sicherheits- und Verteidigungspolitik, die Verbesserung der Entscheidungsfähigkeit sowie verstärkte Investitionen in öffentliche Kommunikation und Legitimität.

Die Diskussion in Delphi machte deutlich, dass Europa sich von einem reaktiven wirtschaftlichen Akteur zu einer proaktiven geopolitischen Kraft entwickeln muss. 

Die Veranstaltung war Teil der EFA365-Initiative, mit der das European Forum Alpbach das ganze Jahr über Diskussionen in Wien, Berlin, Brüssel, München, Den Haag, Innsbruck und weiteren Städten organisiert. Ziel ist es, zentrale sicherheitspolitische Themen kontinuierlich zu vertiefen und die Debatten des Forums im August vorzubereiten. Die in der Veranstaltung diskutierten Punkte werden am European Forum Alpbach 2026 (24. August - 4. September 2026) unter dem Jahresthema "How Europe Wins" vertieft.